Christian Hoose: „Wir müssen schneller reagieren“

### Dieser Text ist zuerst in FUNKTURM Nr. 3 erschienen. ###

Als Christian Hoose 2012 den Posten des Sächsischen Regierungssprechers antrat, konnte er nicht ahnen, welch turbulente Herausforderungen auf ihn zukommen sollten. Im FUNKTURM-Interview spricht er über die aktuellen Herausforderungen in seinem Job, das Image des Freistaats, die Imagekampagne »So geht sächsisch.« und Überlegungen zum verstärkten Social-Media-Einsatz durch die Staatskanzlei.

Interview: Peter Stawowy & Enrico Bach

Was macht die Aufgabe des Regierungssprechers derzeit besonders herausfordernd?
Wir sind momentan in einer Situation, in der wir vieles tun und dennoch mit unseren Argumenten nicht durchdringen. Oftmals wird der vorgefertigte Eindruck, den man von Sachsen und der sächsischen Regierung haben möchte, auch so vermittelt. Aktuell ist es schwierig, dagegen etwas zu machen. Ein Beispiel: Ein Journalist will ein Porträt über den Ministerpräsidenten machen, wir ermöglichen das kurzfristig. Nach dem Gespräch wird einem dann klar, dass der Interviewer das Ergebnis quasi schon "im Kopf" fertig hatte. Wozu dann das Gespräch? Das ist eine Herausforderung.

War das nicht schon immer so?
Natürlich gab es schon immer schwierige Situationen. Aber gerade wird über ein ganzes Land ein Urteil gefällt, ohne wirklich zu wissen, wie die Sachsen sind. Ja, klar haben wir ein Problem. Es gibt diese Hetzer. Das verurteilen wir genauso. Wenn aber etwas Negatives passiert, sind die Schlagzeilen riesig. Wenn dann drei Monate später ein oder mehrere Täter verurteilt werden und ins Gefängnis wandern, ist das häufig nur ein paar lapidare Zeilen wert. Da fehlt mir die Ausgewogenheit.

"Wir müssen schneller reagieren auf das, was in den sozialen Medien passiert."

Sie haben 2012 im Presseclub Dresden gesagt: Wir überlegen gerade, wie es uns gelingen kann, mehr unter 30-Jährige für die Politik zu gewinnen. Gelingt es inzwischen?
Leider noch nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre. Ich glaube, bei der Imagekampagne des Freistaates gelingt uns das ganz gut. Wir haben eine Facebook-Seite, mit fast 100.000 Followern. Wir haben einen sehr guten Internet-Auftritt und wir sind bei Instagram gut unterwegs. Dort sind es auch weit über 10.000 Follower. Das spornt an.

Gibt es über die Imagekampagne hinaus konkrete Ansätze?
Wir müssen schneller reagieren auf das, was in den sozialen Medien passiert. Wir haben praktisch nur eine Kollegin, die das bei mir im Referat übernimmt – aber das ist natürlich zu wenig. Sie macht das sehr engagiert, aber sie ist Einzelkämpferin. Da müssen wir Ressourcen schaffen, um das im nächsten Jahr zu verbessern. Wir wollen noch mehr Menschen über die sozialen Medien erreichen. Vor allem für junge Leute sind Facebook und Co. die Informationsplattformen schlechthin. Zeitung, Fernsehen und Radio sind da eher die Ausnahme.

Was glauben Sie, was Sie mit diesen 100.000 Facebook-Fans der Imagekampagne erreicht haben oder erreichen können?
Eine positive Wahrnehmung unseres Landes, genau das soll die Kampagne erreichen. Wir informieren permanent über den Freistaat, über tolle Geschichten, über Menschen, die etwas auf die Beine stellen, aber auch Veranstaltungen. Die Sachsen, die wegen des Jobs oder der Liebe nicht hier sein können, finden es klasse, dass sie mithilfe der Kampagne immer noch einen Kontakt zu ihrer Heimat haben. Andere werden erst dadurch auf den Freistaat aufmerksam. Mit Social Media haben wir die Möglichkeit, den Leuten direkt zu vermitteln, was wir tun. Aber auch im Gegenzug eine Dialogmöglichkeit.

Das Facebook-Profil des Ministerpräsidenten war ein Ansatz, die neuen Kanäle zu benutzen. Das ist dann abgeschaltet worden…
Das ist zuallererst eine persönliche Frage. Wenn Beleidigungen überhand nehmen und dann nicht nur der Ministerpräsident, sondern auch dessen Familie betroffen ist, dann muss man sich fragen: Sollte man das noch weiter machen? Die Entscheidung war nein.

Wenn Sie sagen, nächstes Jahr wollen wir woanders stehen: Was ist genau das Ziel?
Wir wollen eine Möglichkeit der direkten Kommunikation mit den Sachsen schaffen, zusätzlich zur klassischen Kommunikation über die Medien. Es soll eine Möglichkeit geben, wo der Bürger schnell durch uns informiert wird, sich aber auch selbst informieren kann. Dies soll auf eine interessante Art und Weise umgesetzt werden. Wir sind da noch in der Planungsphase.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem direkten Austausch?
Es ist verrückt, wenn man am Sonntag Mails bekommt, die unschön und teils auch beleidigend sind. Es kommt vor, dass ich darauf sofort antworte. Meist bekomme ich keine Rückantwort. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass jemand zurückschreibt: "Oh. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie reagieren. Das finde ich toll!" Die Leute sind sehr überrascht, dass man am Sonntag antwortet. Ich habe auch schon angerufen. Manchmal läuft das positiv. Die einen sind völlig überrascht und begeistert. Andere fangen dann erst richtig an zu beleidigen. Wenn man versucht zu argumentieren, beharren sie meist auf ihrer Meinung und sagen: Nö, das ist so! In diesen Momenten ist es sehr schwierig, ein vernünftiges Gespräch zu führen.

"Unser Problem ist zurzeit, dass man uns nur über eine Minderheit wahrnimmt."

Haben wir als Sachsen gerade ein Imageproblem und woran liegt es?
Unser Problem ist zurzeit, dass man uns nur über eine Minderheit wahrnimmt und die meisten Menschen eigentlich zu wenig darüber wissen, was den Freistaat ausmacht. In der aktuell aufgeheizten Situation und angesichts der vielen Vorurteile dringen wir mit unseren Botschaften oft nicht durch. Es gibt viele hilfsbereite, engagierte und weltoffene Sachsen – genauso wie in anderen Teilen Deutschlands.

Das klingt so, als ob die Staatsregierung und ihre Kommunikationsarbeit der Situation eher ausgeliefert sind. Kann man nichts entgegensetzen?
Wir werden selbstverständlich weitermachen und unsere Arbeit intensivieren, um unsere Positionen zu vermitteln. Dennoch gibt es Menschen, die weder für Argumente noch ein Gesprächsangebot empfänglich sind. Sie haben ihre eigene Wahrnehmung und ihre eigenen Antworten. Für den Umgang mit dieser Gruppe sehe ich kein Rezept. Alle anderen wollen wir überzeugen, dass wir Sorgen und Ängste ernst nehmen und Lösungen haben. Allerdings muss der Staat auch klar und deutlich reagieren, wenn Grenzen überschritten werden.

Klarer und deutlicher. Zukünftig?
Wir haben Meinungsfreiheit, auf die sind wir stolz und daran gibt es nichts zu rütteln. Aber dieses Recht ist dann überschritten, wenn andere Menschen persönlich verunglimpft werden oder gegen sie gehetzt wird.

Auch der Ministerpräsident wird kritisiert. Er habe zu lang gewartet, sei zögerlich, sitze sogar vielleicht aus. Wie bewerten Sie das?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Es gab die Ausschreitungen in Heidenau, der Ministerpräsident war vor Ort. Herr Tillich hat in Heidenau versucht, mit Demonstranten ins Gespräch zu kommen. Als es zu den Ausschreitungen in Freital kam, befand sich der Ministerpräsident im Ausland. Er kam aus Brüssel zurück und fuhr auf direktem Weg vom Dresdner Flughafen nach Freital! Nach dem Brandanschlag auf ein Wohnhaus in Meißen, in dem Asylbewerber untergebracht werden sollten, war Herr Tillich sofort vor Ort. Dies sind nur einige Beispiele.

Und beim Fall al-Bakr …?
Dazu muss man sich auch einmal mit den Details beschäftigen. Der Ministerpräsident musste als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Länderfinanzausgleich nach Berlin ins Kanzleramt zu den abschließenden Verhandlungen. Diese tagte ab 13 Uhr. Wir haben deshalb zu al-Bakr am Vormittag eine Pressemitteilung herausgegeben. Für 17 Uhr war eine Abstimmung in der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern vorgesehen. Wir haben die Medienvertreter zu diesem Zeitpunkt dorthin eingeladen. Dort wollte Herr Tillich ein Statement zu al-Bakr geben. Zu diesem Gespräch kam es aber leider nicht, weil die Runde noch im Kanzleramt tagte. Auch um 18 Uhr war die Veranstaltung noch in vollem Gange. Um die Journalisten nicht auf unbestimmte Zeit vor der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern zu vertrösten, haben wir dann das Pressestatement auf den nächsten Morgen auf 8.45 Uhr in den Bundesrat verschoben. Dies war auch gutso, denn die Einigung der Ministerpräsidenten erfolgte erst um 3 Uhr in der Nacht. Es gab in einer großen Nachrichtensendung am Abend die Aussage: Tillich habe kurzfristig sein Statement abgesagt. Aber dann sollte man auch sagen, warum er das machen musste. Das erweckte bei vielen den Eindruck, Herr Tillich sei wieder einmal zu spät. Das stimmt zwar nicht, passte aber besser in das Bild, das über den Ministerpräsidenten veröffentlicht wurde.

"Ich persönlich empfinde die Berichterstattung insgesamt als zu einseitig. "

Überlegen Sie manchmal, was man anders machen könnte, um Sachsen und den MP besser zu platzieren?
Es ist immer ein Spagat: Auf der einen Seite ist der Landesvater im Freistaat gefordert, zum Beispiel von Institutionen, Vereinen oder Unternehmen, die den Ministerpräsidenten auf eine Veranstaltung einladen. Diese Termine sind wichtig, weil er der oberste Repräsentant des Freistaats ist. Die Menschen erwarten, dass er dort teilnimmt. Auf der anderen Seite braucht es aber auch den Erklärer für die ostdeutschen Anliegen und den Vertreter für sächsische Interessen auf der nationalen Ebene. Beides ist zeitlich oftmals schwer miteinander zu vereinbaren. Wichtig ist, dass man sich Zeit nimmt und bei den vielfältigen Terminen im Freistaat mit den Menschen ins Gespräch kommt. Für das Bild Sachsens sind aber nicht nur der Ministerpräsident und die Minister zuständig, sondern wir alle sind aufgerufen, gute Botschafter Sachsens zu sein.

Medien haben ein vorgefertigtes Klischee, ein Bild – hat eine Staatsregierung überhaupt noch eine Chance, dagegen anzukommen? Oder muss man das dann in dem Moment erst mal passieren lassen?
Also ich persönlich empfinde die Berichterstattung insgesamt als zu einseitig. Vielleicht so, wie manches überhöht war, als man vor einigen Jahren sagte, wie toll Sachsen sich im Vergleich zu anderen Bundesländern entwickelt hat. Sachsen war das Vorzeigeland der neuen Länder. Vielleicht versucht man jetzt, diese Überhöhung in gewisser Weise zu relativieren. Wir nutzen selbstverständlich die Image-Kampagne mit all ihren Möglichkeiten, durch Informationen die Vielfalt Sachsens darzustellen. Auch der Ministerpräsident führt viele Interviews und wirbt für eine differenzierte Sicht auf den Freistaat.

Medien haben ein ähnliches Problem. Die Leute, die "Lügenpresse" schreien, haben das Vertrauen verloren – sowohl in die Politik als auch in die Medien. Wie erklären Sie sich das, woher kommt das?
Vielleicht, weil manch einer nicht weiß, was Medien können und was nicht. Die Medien sind völlig frei in der Auswahl ihrer Themen. Sie bestimmen selbst über Schlagzeilen, Bilder und Texte. Ich denke, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass sich ihre Probleme nicht genug in den Artikeln beziehungsweise Sendungen widerspiegeln. Außerdem gewinnen immer mehr Leute den Eindruck, dass die Medien zu völlig falschen Einschätzungen kommen. Dies ist nicht nur ein deutsches, sondern, wie wir derzeit in den USA sehen, ein weltweites Problem.

Was wünschen Sie sich für die Medienlandschaft hierzulande?
Ich glaube, dass wir ganz gut aufgestellt sind. Sachsen hat eine gut funktionierende und vor allem vielfältige Medienlandschaft. Dies ist für Zuschauer, Leser und Zuhörer sehr wichtig. Schauen Sie sich andere Bundesländer an, da sieht es schlechter aus. Es gibt einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gute Privatsender und hervorragende Regionalzeitungen. Auch im Boulevard sind wir gut aufgestellt. Ich hoffe, dass das in Zukunft so bleibt.

Vielen Dank für das Interview.

Dieser Text stammt aus FUNKTURM Nr. 3, das Medienmagazin für Sachsen. Das Heft umfasst 120 Seiten uns ist am 29.11.2016 erschienen. Weitere Themen sind:

Das Heft kann hier zum Preis von 11 Euro zzgl. Versand bestellt werden.

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