Bombenticker hinter Paywall: LVZ-Chefredakteur reagiert auf Shitstorm

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Bei Twitter und auf der Facebook-Seite der Leipziger Volkszeitung (LVZ) sammeln sich seit gestern wütende Kommentare gegen die Lokalzeitung (Screenshots von Twitter).

Hintergrund ist der LVZ-Live-Ticker zur Bombenentschärfung im Leipziger Norden (#le0312 #bombe_le0312), für die tausende Anwohnerinnen und Anwohner ihre Häuser und Wohnungen verlassen und teilweise in Schulen und Turnhallen überachten mussten.

Denn: Die LVZ-Redaktion hatte es tatsächlich gewagt, den Live-Ticker zum Ereignis hinter ihre Pay-Angebot LVZ+ zu stellen (vgl. FLURFUNK vom 3.7.2019: "LVZ+ und DNN+: Leipziger Volkszeitung und Dresdner Neueste Nachrichten
 führen Paywall ein"). Die Infos waren also nur mit kostenpflichtigem Abonnent zu lesen.

Heute hat sich LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer in einem eigenen Beitrag auf lvz.de dazu geäußert.

In dem Beitrag, der mit der Phrase "das Leben ist Veränderung" beginnt, erklärt Emendörfer zunächst die Hintergründe, warum die Inhalte von LVZ nicht mehr alle kostenpflichtig sind.

So schreibt er, man habe LVZ.de in großen Teilen kostenpflichtig gestellt,

"weil guter Journalismus nicht vom Himmel fällt, sondern hart erarbeitet und letztlich auch bezahlt werden muss. Beim Recherchieren, Fotografieren und Schreiben entstehen Kosten, die wir refinanzieren müssen, wenn wir weiterhin unabhängigen Journalismus gewährleisten wollen. Und das wollen wir."

Und weiter:

"Den Aufwand, den wir digital betreiben, haben die Abonnenten unserer Printausgabe über Jahre mitgetragen und die Onlinenutzer haben davon profitiert."

Okay, ihr dummen Online-Schmarotzer, jetzt ist aber wirklich Schluss! Oder wie soll man das verstehen?

Hier ist der gesamte Beitrag zu lesen: "LVZ+ - deshalb ist das digitale Angebot für Leipzig und Sachsen kostenpflichtig".

Kostenlose Berichterstattung?

Tatsächlich rührt die Kritik der Nutzerinnen und Nutzer ja daher, dass die Informationen rund um die Bombenentschärfung nicht nur einem zahlenden Klientel vorenthalten werden sollten – die Nutzerinnen und Nutzer fühlen sich offenkundig vor den Kopf gestoßen.

Wobei: Echt jetzt, Leute? Die Polizei twittert, die Feuerwehr twittert, der MDR, das Lokalradio, das Lokalfernsehen, die BILD und bestimmt noch einige andere Medien berichten kostenfrei. Ist es so gar nicht nachvollziehbar, wenn ein Bäcker seine Brötchen nicht verschenken will - nur, weil alle anderen es machen?

Andererseits: Die Internetseite der Stadt leipzig.de war zwischenzeitlich zusammengebrochen. (Nachtrag: Das ist wohl falsch, man sollte nicht jedem Kommentar bei FB glauben - sorry. 5.12.2019, owy)

Nachrichtliche Grundversorgung?

Tatsächlich nennt Emendörfer in seiner Wortmeldung an die Online-Nutzer auch den Begriff "nachrichtliche Grundversorgung".

Wörtlich schreibt er:

"Dennoch halten wir bei wichtigen Themen mit hoher öffentlicher Relevanz eine nachrichtliche Grundversorgung weiterhin kostenlos im Netz aufrecht. Alle Zusatzinformationen, Extrastücke, Bewegtbilder, Grafiken und auch Liveticker definieren wir als LVZ+-Inhalte, die seit August kostenpflichtig sind."

Und:

"Für die Abonnenten der gedruckten Zeitung hat das keinerlei Auswirkungen, denn Sie erhalten die Inhalte weiterhin wie gewohnt auf dem Papier."

Beim besten Willen: Die Entscheidung, den Ticker hinter die Paywall zu stellen, ist mutig. Sie ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar - die Zeitung wird ja auch nicht kostenlos in die Briefkästen gestopft.

Andererseits: Medien mit ihren besonderen Privilegien (Pressefreiheit) haben auch Pflichten. Ein "muss halt bezahlt werden" wirkt da als Reaktion ausgesprochen schwach.

Online nicht verstanden

Regelrecht ungeschickt ist es aber, auf die Kritik der Online-Nutzerinnen und -Nutzer so gar nicht einzugehen und stattdessen zwischen Abonnenten der Printausgabe und den Onlinenutzern dermaßen zu unterscheiden.

So gewinnt man online sicherlich keine Fans für das eigene Angebot. Oder, wie es eine Kommentatorin bei Facebook formuliert:

"Ob man so die Nutzerinnen und Nutzer von der journalistischen Qualität seiner Inhalte überzeugt?"

Jan Emendörfer scheint das nicht nötig zu haben.

"Begleiten Sie uns weiter kritisch - Ihr Jan Emendörfer, Chefredakteur
P.S.: Unsere Abo-Angebote finden Sie hier."

Vielleicht sucht sich die LVZ ja doch mal einen Chefredakteur, der weniger an die gute alte Print-Welt klammert und etwas onlineaffiner ist.

Nachtrag: Bei dem LVZ-Beitrag von Emendörfer handelt es sich um ein Repost - d.h. sein Text ist älter und von der Redaktion jetzt nur noch mal gepostet worden. Denn der heute (4.12.) in den Netzwerken gepostete Beitrag hätte am Anfang noch das Datum von September getragen und sei erst nachträglich aktualisiert worden, wie uns aufmerksame Leser berichten.

Das macht das alles irgendwie nur noch schlimmer.

1 Kommentar
  • Mike
    Dezember 5, 2019

    A bissl peinlich, Herr Emendörfer. Selbstrechtfertigung, Prinzipienreiterei + Kritik nicht verstehen (wollen) + die anderen zurück kritisieren = a bissl peinlich. Vermutlich haben Sie der LVZ damit mehr geschadet als hätten Sie gesagt: Hey, stimmt, wenn viele schnell informiert sein müssen über eine Evakuierung (es war ja kein RB-Spiel), dann machen wir mit, und zwar ohne paywall. Aber so isse halt, unsere gute alte LVZ ...

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