LVZ vs. Jung: Oberbürgermeister verweigert Interview mit Lokalzeitung

Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) berichtet heute (2.3.2020) in einer kurzen Meldung, dass der alte und neue Oberbürgermeister von Leipzig, Burkhard Jung (SPD), ein für 10 Uhr terminiertes Interview mit der Zeitung kurzfristig abgesagt habe.

Titel der LVZ-Meldung: "Leipzigs OBM Jung lässt Interview mit der LVZ platzen" (inzwischen hinter der Paywall).

Jung war gestern (Sonntag, 1.3.2020) im zweiten Wahlgang zum Oberbürgermeister gewählt worden und hatte sich dabei gegen Herausforderer Sebastian Gemkow (CDU) durchgesetzt (vgl. ZEIT vom 1.3.2020).

Was ist "üblich"?

In der Meldung schreibt die LVZ, dass das für 10 Uhr angesetzte Interview um 8.31 Uhr von der Stadt abgesagt worden sei. Auf Nachfrage der Zeitung habe Stadtsprecher Matthias Hasberg ausrichten lassen, Jung wolle den LVZ-Reporter Klaus Staeubert zu dem Gespräch nicht sehen.

Die LVZ hatte Klaus Staeubert und Leipzig-Chef Björn Meine zu dem Interview angemeldet. Die Ablehnung sei von der Stadt damit begründet worden, so die LVZ weiter, "dass sich Staeubert am Abend des ersten Wahlgangs (2. Februar) mit Gemkow 'in den Armen gelegen' habe."

In der Meldung ist Reporter Staeubert wörtlich zitiert mit:

"Ich habe Sebastian Gemkow nach dem ersten Wahlgang im Neuen Rathaus zur Begrüßung kurz umarmt, wie das heutzutage oft üblich ist."

Die LVZ war noch vor dem zweiten Wahlgang vor allem in den sozialen Netzwerken immer wieder kritisiert worden. Ihr war einseitige Berichterstattung zu Gunsten des CDU-Bewerbers vorgeworfen worden. Unbekannte hatten kurz vor der Wahl Plakate des CDU-Bewerbers Gemkow mit LVZ-Logos versehen – ein Vorgang, der die LVZ-Führung zur deutlichen Distanzierung veranlasst hatte.

Die Kollegen von Übermedien haben die Entwicklung sehr gut aufbereitet: "Macht die 'Leipziger Volkszeitung' Wahlkampf für die CDU?" (der Text ist inzwischen auch beim Stadtmagazin Kreuzer erschienen).

Objektivität angezweifelt

Auf FLURFUNK-Nachfrage äußert sich die Stadt Leipzig nur sehr zurückhaltend zum Vorgang. Das sei eine Frage der Objektivität, heißt es, die man offenbar bei dem Journalisten anzweifelt.

Inzwischen hat die Stadt Leipzig via Twitter verkündet, die von der LVZ in der Meldung formulierten Fragen schriftlich und per Mail beantwortet zu haben. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Im Text ist LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer zitiert:

"Dass ein Politiker festlegen kann, von welchem Journalisten er interviewt wird und von welchem nicht, hat nichts mit Pressefreiheit zu tun."

Kommentar: Bärendienst für die Pressefreiheit

Emendörfer hat Recht. Denn es obliegt nicht der Stadt oder dem Oberbürgermeister, über die Objektivität von JournalistInnen öffentlich zu urteilen.

Ja, natürlich sind die Umarmung wie auch die einseitige Berichterstattung im Wahlkampf zu kritisieren (was ja auch durch die Berichterstattung von Übermedien und Kreuzer passiert ist). Aber: Die Nähe der Zeitung zu einem Kandidaten unterliegt ebenfalls der Pressefreiheit - auch, wenn das vielen Kommentatoren in den sozialen Netzwerken nicht passt.

Die Ablehnung eines Interviews wegen der angeblichen Nähe eines Journalisten zum politischen Gegner ist nicht in Ordnung. Zumal es jede Menge andere Möglichkeiten gegeben hätte für Jung, zu reagieren: etwa genau das Thema im Interview anzusprechen.

Seine Reaktion ist nicht nur ausgesprochen dünnhäutig, sondern erweist der Pressefreiheit einen Bärendienst.

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3 Kommentare
  • Steffen
    März 3, 2020

    Jung hätte das Thema im Interview angesprochen und dann? Hätte die LVZ genau das auch geschrieben? Das müsstest du mir bitte noch mal erklären.

    Und dann frage ich mich, was ist eigentlich die Konsequenz einer einseitigen Berichterstattung im Wahlkampf? Dass man das nun zu den Akten legen kann und vergessen? Ist uns die Unabhängigkeit der Presse dann doch nicht so viel wert? So lapidar, wie du das drüber gehst "Ja, natürlich […]. Aber:" zahlt das meiner Meinung nach nicht gerade in diese notwendige Kritik mit ein.

  • owy
    März 3, 2020

    Selbstverständlich hätte Jung das Thema ansprechen und darauf bestehen können, dass es im abgedruckten Interview auch erscheint.

    Die Frage, wie mit der "einseitigen Berichterstattung" zu verfahren ist, ist ein ganz anderes Thema und hat mit der Ablehnung eines Interviews durch einen Amtsträger nur nachrangig etwas zu tun.

    Erstmal wäre zu klären, wie einseitig die Berichterstattung wirklich war oder ob es sich nur um ein Narrativ handelt.

    "Ist uns die Unabhängigkeit der Presse dann doch nicht so viel wert?" - Ich verstehe die Aussage nicht. Die Unabhängigkeit der Presse besagt, dass die Redaktion frei ist in der Entscheidung, wen sie unterstützt.

    Wie gesagt, das sind definitiv zwei Themen. Die Ablehnung eines Interviewers ist eine nicht akzeptable Grenzüberschreitung. Egal, was vorher passiert ist.

  • Steffen
    März 3, 2020

    Dass man gegenüber der Presse Forderungen aufstellen kann, was diese abdrucken, wäre mir jetzt neu. Aber klar, wenn man es hinbekommt sich vorher darauf zu einigen, dass es ein Interview wird, welches 1:1 übernommen wird, dann geht das natürlich. Kam ich jetzt nicht drauf, aber klar ein OBM ist da sicherlich in einer Position das so vereinbaren zu können.

    Ganz allgemein beobachte ich immer wieder, dass unbequeme Informationen nicht erscheinen. Anderes Medium und andere Geschichte, habe ich aber auf Twitter dokumentiert, worauf ich anspiele.
    Thread 1: https://twitter.com/Steffenster/status/1232791948680925184
    Thread 2: https://twitter.com/Steffenster/status/1234114671273283584
    Thread 3: https://twitter.com/Steffenster/status/1234834930556964865

    "Die Unabhängigkeit der Presse besagt, dass die Redaktion frei ist in der Entscheidung, wen sie unterstützt." - wow. Das würde jetzt bedeuten, ich lag falsch in der Annahme, dass die LVZ, wie sie es ja eigentlich selbst sagen, nicht Partei ergreifen?

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