Anja Obermüller: „Das Konzept durchbricht die Monopole”

Mastodon vs. Twitter - unser Text hat einige Reaktionen erzeugt (vgl. FLURFUNK vom 29.11.2022: "Mastodon vs. Twitter: Sollten staatliche Institutionen das Netzwerk wechseln?"). Anja Obermüller ist eine der Gründerinnen und Geschäftsführerin der Dresdner Forschungswerk GmbH und bereits seit über einem Jahr im Fediverse bzw. bei Mastodon unterwegs.

Im Interview erläutert sie die Vorteile und ihre Beweggründe.

„In einer Demokratie sollte nicht ein einzelner Konzern entscheiden, welche Information wir erhalten“

Anja Obermüller

FLURFUNK: Du nutzt Mastodon schon länger - warum?
Anja Obermüller: Ich bin durch meine Medienkompetenz-Arbeit an Schulen darauf aufmerksam geworden: Für Schüler-Workshops zu Themen wie Social Media, Mediensucht und Datenschutz am Smartphone habe ich bei meinen Recherchen irgendwann das Fediverse entdeckt. Ich hab mich allerdings erst eine ganze Weile dazu belesen, bis ich selbst einen Account eröffnet habe. Meinen Facebook-Account habe ich dafür mittlerweile gelöscht und fühle mich damit sehr wohl. Je tiefer man sich mit Tracking und Datenschutz im Internet und am Smartphone beschäftigt, desto mehr kommt man zwingend zu dem Schluss, dass man auch am eigenen Nutzungsverhalten was ändern muss.
Ich kann nicht die Relevanz von Privatsphäre und Datenschutz vermitteln, wenn ich mich dann selbst nicht entsprechend verhalte.

FLURFUNK: Sind Mastodon und das Fediverse für Dich wirklich ein relevantes soziales Netzwerk?
Obermüller: Für mich persönlich auf jeden Fall. Ich nutze es vor allem zur beruflichen Weiterbildung und folge vielen Profilen, die sich für digitale Selbstbestimmung, Sicherheit, Privatsphäre, Open Source Software, Bildung und Datenschutz engagieren. Dort finde ich immer wieder interessante neue Informationen, Tools und Anregungen, die ich dann in Elternabenden und Workshops nutzen kann. Das heißt aber auch, dass ich es anders als Facebook vorher nutze, was eher privater Natur war, wo ich vor allem "echten" Freunden und Familie gefolgt bin. Das war auch relevant für mich - nur eben in anderem Kontext. Ich sehe das Fediverse nicht unbedingt als Ersatz an – es ist einfach etwas anderes, was ich auch zu anderen Zwecken nutze.

„Es ist auch für eine Demokratie nicht wünschenswert, wenn politische Meinungsbildung algorithmisch intransparent beeinflusst wird und vor allem solche Inhalte gezeigt werden, die starke emotionale Reaktionen (wie Wut oder Empörung) hervorrufen.“

FLURFUNK: Für Dich hat das auch eine gesellschaftliche Komponente...
Obermüller: Betrachtet man das ganze gesellschaftspolitisch, sehe ich hier auch eine große demokratietheoretische Relevanz, wenn soziale Netzwerke (die für einige fast synonym mit "dem" Internet sind und eine immer größere Rolle in der Nachrichtennutzung spielen), frei von kommerziellen Interessen wie Profitstreben und personalisierter Werbung sind. Das Konzept des Fediverse durchbricht diese "walled gardens", die Monopole, und ist für alle offen. Es ist auch für eine Demokratie nicht wünschenswert, wenn politische Meinungsbildung algorithmisch intransparent beeinflusst wird und vor allem solche Inhalte gezeigt werden, die starke emotionale Reaktionen (wie Wut oder Empörung) hervorrufen. Es geht z.B. bei Facebook nicht darum, einen echten Diskurs zu ermöglichen, sondern möglichst viel Geld mit Werbung zu verdienen. In einer Demokratie sollte aber nicht ein einzelner Konzern entscheiden, welche Information wir erhalten, um uns eine Meinung zu bilden.

FLURFUNK: Was sind für Dich die entscheidenden Unterschiede etwa zu Twitter?
Obermüller: Ich finde den Ansatz spannend, dass echte soziale Medien nicht einem großen Unternehmen gehören und zentral gemanagt werden. Man sieht das nun exemplarisch bei Twitter, wie das laufen kann, wie schnell die Regeln geändert werden können und wie abhängig manche doch von diesem einen Kanal sind. Ein dezentrales Netzwerk bietet da einfach andere Möglichkeiten - wenn mir die Contentmoderation oder die Community Richtlinien auf meiner Instanz nicht gefallen, kann ich einfach wechseln. Ich verliere dadurch nicht mein Netzwerk, sondern habe die Freiheit, mir sozusagen meinen "Lieblingsplaneten" in dem Universum auszusuchen.

FLURFUNK: Und wie sind so Deine Erfahrungen bisher?
Obermüller: Meine bisherigen Erfahrungen im Fediverse ergeben den - zugegebenermaßen persönlichen und vermutlich nicht für alle Instanzen geltenden - Eindruck, dass der Umgang der Nutzer miteinander angenehmer, ruhiger, unaufgeregter und sogar aktiver ist als auf Twitter. Und wenn mal jemand dabei ist, bei dem das nicht der Fall ist, kann ich denjenigen stummschalten oder blockieren und er verschwindet aus meinem Feed. Insgesamt schafft es das Fediverse, einige der systemimmanenten Schwächen der großen Netzwerke, die vor allem auf dem Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus beruhen, zu vermeiden. Dennoch bleiben natürlich Schwächen - auch ein freies, dezentrales, nicht-kommerzielles Netzwerke kann Trolle oder andere unangenehme Nutzer anziehen... Das liegt aber dann eher an uns Menschen, nicht am Netzwerk. Es freut mich, dass Mastodon nun durch Musk und Twitter bekannter wird und mehr Zulauf hat, aber ich hoffe ehrlich gesagt, dass es kein zweites Twitter wird. Das wäre ja keine Verbesserung.

"Es freut mich, dass Mastodon nun durch Musk und Twitter bekannter wird und mehr Zulauf hat, aber ich hoffe ehrlich gesagt, dass es kein zweites Twitter wird. "

FLURFUNK: Was sind denn die konkreten Unterschiede zu anderen Netzwerken? 
Obermüller: Sehr wertvoll und regelrecht befreiend empfinde ich z.B. im Vergleich zu Facebook die Abwesenheit eines Algorithmus'. Meldet man sich bei Mastodon neu an, ist der Feed erstmal komplett leer. Das ist für jemanden, der von Facebook, Instagram oder Twitter kommt, sehr ungewohnt und man ist erstmal ein bisschen orientierungslos. Ich meine aber, es ist ein Mittel der Selbstbestimmung und digitalen Souveränität, den Inhalt des eigenen Feeds selbst kuratieren zu können. Er entsteht chronologisch durch Beiträge von denen, denen ich folge. Ich kann das jederzeit ändern oder ergänzen. Es gibt keinen undurchsichtigen Algorithmus, der Fake News mehr und schneller pusht als Fakten, der mich auf Basis meines vergangenen Click-Verhaltens zu intensiverer Nutzung oder weiter in eine bestimmte Richtung schubst oder mir Inhalte präsentiert, die mich subtil beeinflussen sollen, weil sie auf einem komplexen Profil von mir basieren. Das ist schon ein sehr wesentlicher Unterschied.

FLURFUNK: Und was bedeutet das für deine Arbeit? 
Obermüller: Ich sehe auch für meine Arbeit konkrete Unterschiede. Wenn ich z.B. auf Elternabenden die spezifischen Risiken für Kinder und Jugendliche bespreche, die TiKTok oder Instagram so mit sich bringen, wird einem schnell klar, dass das ein riesiges Feld ist: Es geht von Cybermobbing über Hate Speech zu Cybergrooming, von Tracking, Mediensucht, problematischen Schönheitsidealen bis zu Kostenfallen – und damit bin ich lange nicht am Ende. Ein Feld auf dem sich die wenigsten Eltern, die wenigsten Lehrer bisher wirklich inhaltlich auskennen. Unsere Kinder wachsen aber in dieser Welt, mit diesen Medien auf, das heißt, dass wir gar nicht darum herum kommen, uns damit zu beschäftigen. Wenn wir über diese Risiken sprechen, dann sind da durchaus einige dabei, die ihre Ursache ganz konkret in der Art und Weise haben, wie Plattformen wie Instagram oder TikTok funktionieren.
Nehmen wir zur Anschauung das Thema "Mediensucht": Plattformen wie TikTok arbeiten mit allen psychologischen Tricks und Kniffen, die die Nutzer möglichst oft und möglichst lange am Bildschirm halten sollen. Das äußert sich z.B. durch das AutoPlay der Videos, die ständigen Benachrichtigungen der App oder dem endlosen Feed. All das nennt sich "Nudging" und ist gut erforscht. Ist auch logisch, dass die Plattformen das anwenden, denn sie verdienen mehr Geld, wenn die Nutzer länger bleiben und mehr interagieren. All das ist bei Mastodon nicht der Fall, was den Nutzern mehr Selbstbestimmung verleiht. Das kann auch Kindern und Jugendlichen zugute kommen, die sich sicher noch schlechter als wir Erwachsene gegen solch subtile Beeinflussung erwehren können. Das verursacht konkrete Probleme: Eltern suchen Hilfe, weil ihre Kinder nur noch vorm Handy hängen. Ich habe es erlebt, dass Sechstklässler mir in Workshops erzählen, dass sie regelmäßig bis nachts um drei wach sind und über TikTok einschlafen. Das ist nicht gesund.

"Für riesige überregionale Reichweite und kommerzielle Werbung ist das Fediverse der falsche Ort"

FLURFUNK: Würdest Du Institutionen und Vereinen empfehlen, dort hinzugehen?
Obermüller: Ich sehe darin Chancen, ja. Für Behörden hat der Bundesdatenschutzbeauftragte zumindest bereits für Facebook analysiert, dass sich Fanpages nicht datenschutzkonform nutzen lassen, d.h. für Behörden ist das Fediverse meiner Meinung nach eine gute Alternative. Und es gibt ja auch bereits eine Instanz des Bundes, bei der mittlerweile viele Behörden und Ministerien aktiv sind. Ansonsten kommt es natürlich darauf an, was Institutionen oder Vereine genau erreichen wollen - für riesige überregionale Reichweite und kommerzielle Werbung ist das Fediverse eben der falsche Ort. Aber das ist ja auch nicht das, was jeder will. Ein lokaler Verein hat es vielleicht im Fediverse leichter, eine gute Community aufzubauen. Auch bietet das Fediverse neben Mastodon noch viele weitere Möglichkeiten, die für Institutionen oder Vereine interessant sein können, z.B. Mobilizon als Event-Organisation (vergleichbar mit Facebook Events), PeerTube als Videoplattform, Funkwhale für Audiostreaming, Owncast für Live-Videostreaming, Pixelfed für Fotos (vergleichbar mit Instagram) und vieles mehr. Die Club-Szene aus Berlin hat z.B. Facebook Events bewusst den Rücken gekehrt und nutzt mittlerweile Mobilizon.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview! 

Anja Obermüller ist Kommunikationswissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Dresdner Forschungswerk GmbH. Zusammen mit Rebecca Renatus forscht und lehrt sie rund um das Thema Medien. Ein Fokus liegt dabei auf der Vermittlung von Medienkompetenz an Schüler, Eltern, Lehrer und sonstige pädagogische Fachkräfte.

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