Tägliche Dosis: Was die Suchtdebatte für Soziale Medien bedeutet

Soziale Medien hatten einst ein Fortschrittsversprechen. Sie sollten Orte der Vernetzung, der freien Meinungsäußerung und der digitalen Teilhabe sein. Doch heute stehen eher die Risiken im Mittelpunkt. Die oft geäußerte Meinung ist, dass Soziale Medien süchtig machen. Die Debatte darüber entscheidet dabei, wie digitale Räume in Zukunft aussehen werden.

Gastbeitrag von Dr. Christopher Brinkmann

Machen Soziale Netzwerke süchtig?

Soziale Medien galten lange als interaktiver Treffpunkt der digitalen Welt. Das sogenannten „Web 2.0“ – auch als „Mitmach-Web“ bezeichnet – versprach Vernetzung, Teilhabe und die Demokratisierung von Öffentlichkeit. Doch dieses Bild hat mittlerweile mehr als nur Risse. In der öffentlichen Debatte werden Soziale Medien heute immer häufiger als gefährliche Umgebungen gesehen, die nicht zuletzt süchtig machen.

Ein Gerichtsurteil aus den USA hat diese Debatte nun richtig ins Rollen gebracht. Ende März wurden Meta und Google in Los Angeles zu Millionenzahlungen verurteilt. Geklagt hatte eine heute 20-Jährige.

Sie warf den Unternehmen vor, sie als Jugendliche absichtlich mit ihren Diensten süchtig gemacht zu haben. Die junge Frau sei teilweise über 16 Stunden am Tag auf den Plattformen gewesen, was zu psychischen Problemen führte. Auch TikTok und Snapchat waren angeklagt. Die Unternehmen erzielten allerdings bereits vor Beginn des Verfahrens im Januar einen außergerichtlichen Vergleich.

Soziale Medien bekommen Verantwortung

Das Brisante an dem Urteil ist seine neue Perspektive. Plattformbetreiber in den USA waren jahrzehntelang durch die Section 230 des Communications Decency Act von 1996 geschützt. Die sprichwörtlich „26 Worte, die das Internet schafften“ legen fest, dass Anbieter weitestgehend nicht verantwortlich für die Inhalte sind, die die Nutzerschaft auf ihren Sozialen Medien einstellt. Die Plattformen können dadurch Inhalte moderieren, ohne automatisch als „Herausgeber“ zu gelten.

Allgemein wird davon ausgegangenen, dass sich Soziale Medien erst dadurch wirklich entwickeln konnten. Auf der anderen Seite waren die Tech-Konzerne in der Vergangenheit aber auch nicht haftbar, wenn es zum Beispiel um die Verantwortlichkeit für die Verbreitung von Desinformationen ging.

Doch genau das gilt nicht mehr. Denn die aktuelle Klage zielte nicht auf einzelne Inhalte. Sie drehte sich eher um das Design und darum, wie Menschen dazu gebracht werden, immer weiter zu scrollen.

Plattformen wie Instagram oder YouTube sind damit nicht länger eine neutrale Infrastruktur und der passive „Vermittler“. Sie sind vielmehr gezielt gestaltete Systeme, die aktiv menschliches Verhalten beeinflussen. Das Endlos-Scrollen, algorithmische Empfehlungen oder automatische Wiedergabe sind demnach auch kein Komfort, sondern Funktionen, um möglichst lange und möglichst intensiv Aufmerksamkeit zu binden.

Der Zigaretten-Moment

Das Nutzen Sozialer Medien war lange Zeit eine Frage der Selbstkontrolle. Wer zu viel Zeit im Internet verbringt, so eine verbreitete Meinung, müsse sein Verhalten besser regulieren – oder lernen, mit den Medien besser umzugehen. Diese Logik steht nun Kopf.

Auch wenn die Entwicklung erst einen Anfang nimmt: Die Verantwortung verschiebt sich immer mehr vom einzelnen Nutzenden auf die Anbieter. In der Debatte wird daher bereits vom „Big Tobacco Moment“ für Soziale Medien gesprochen.

Damit wird ein Vergleich zur Tabakindustrie gezogen. Die Zigarettenhersteller positionierten sich lange als Anbieter eines legalen Genussmittels, während gesundheitliche Risiken relativiert wurden. Erst mehrere Gerichtsverfahren machten schließlich öffentlich, in welchem Ausmaß Risiken bekannt waren und kommunikativ heruntergespielt wurden.

Die Prozesse gegen sogenannte „Big Tobacco“-Unternehmen prägten dabei auch die öffentliche Wahrnehmung von Zigaretten. Rauchen wurde zunehmend nicht mehr allein als persönliche Entscheidung gesehen, sondern als Folge des gezielten Produktdesigns und Marketings. Ein sichtbares Ergebnis dieses Wandels: Der Marlboro-Mann in der Kino-Werbung musste mit Schock-Bildern auf Packungen ersetzt werden.

Digitale Räume neu denken

Der Vergleich zwischen Sozialen Medien und Tabakindustrie ist nicht perfekt – aber aufschlussreich. Auch heute geht es um die Frage, ob große Konzerne die Risiken ihrer Produkte kennen und mitunter bewusst für Profit verstärken. Da viele der Unternehmen in den USA sitzen, werden hier die Grundlagen gelegt. Aber auch Europa muss aktiv sein.

Gut ist hier, dass der Digital Services Act bereits anerkennt, dass digitale Plattformen sogenannte „systemische Risiken“ haben können. Zu diesen zählen auch suchtfördernde Funktionen. Gegen TikTok läuft auf dieser Grundlage aktuell noch eine EU-Untersuchung wegen „suchtfördender Praktiken“.

Doch wir brauchen eine Debatte über einzelne Beispiele hinaus. Bisher wird viel über Bildschirmzeiten, Medienkompetenz und Medienerziehung gesprochen. Das ist wichtig.

Die Frage ist aber nicht nur, wie wir mit Medien umgehen, sondern wie diese Medien gestaltet seien sollten. Eine einfache Antwort dafür gibt es nicht. Denn in der Grundsatzfrage darüber, wie wir digitale Räume in Zukunft gestalten, treffen viele Interessen und Denkansätze aufeinander. So muss unter anderem unternehmerisches Handeln mit gesellschaftlicher Verantwortung und Meinungsfreiheit mit Jugendschutz abgewogen werden.

Dafür braucht es auch außerhalb von Gerichtsräumen einen offenen gesellschaftlichen Diskurs, der klare Leitlinien und politische Entscheidungen vorbereitet.

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