Wählerwanderung: Statistik-Voyeurismus mit Problemen

Wahlanalysen nehmen einen prominenten Platz in der Nachwahlberichterstattung ein. Sie sind anschaulich, interessant und bieten viel Interpretationsspielraum.

Aber die Auswertung von Wählerwanderungen ist problematisch.

Von Tim Tschapek

Tim Tschapek

Tim Tschapek M.A. ist Doktorand am Boysen-TU Dresden-Graduiertenkolleg und freier Mitarbeiter von STAWOWY Agentur und Verlag. Foto: Roger Günther

Die in der Wahlberichterstattung von der ARD präsentierten Daten basieren auf sogenannten Exit-Polls. Dabei handelt es sich um repräsentative Nachwahlerhebungen am Wahltag (hier ein Erklärungsvideo von infratest dimap). Dafür werden die Wähler direkt am Ausgang des Wahllokals, also am Exit, zu ihrer Wahlentscheidung befragt.

Da wird dann etwa gefragt, was für die Wahlentscheidung die größte Rolle gespielt hat. Oder was die Befragten bei der letzten Wahl gewählt haben.

Daraus lassen sich Wählerwanderungen errechnen, die dann unter anderem von Jörg Schönenborn (direkt nach der Wahl) oder Friederike Hofmann (am Tag danach) vorgestellt werden.

Andere Medien greifen die Zahlen dankbar auf, wie zum Beispiel Tagesspiegel.de oder DNN.de.

Genauste "Wanderungswerte" werden da bis ins kleinste Detail ausgewertet und interpretiert: So schreibt etwa welt.de, dass die AfD nach den Zahlen "50.000 [Wählerinnen und Wähler] an die Grünen" verloren hat (vgl. welt.de vom 26.05.2019).

Für Hobby-Analytikerinnen und -Analytiker wie auch für gestandene Politikerinnen und Politiker in deutschen Talkshows sind diese Wanderungs-Werte eine vermeintlich reichhaltige Quelle für weitere Schlüsse.

Doch diese Daten bergen in der Berichterstattung gleich mehrere Probleme.

Problem 1: Wählerwanderungsdaten – was sind sie eigentlich wert?

Die sogenannten "Recall"-Fragen sind in der Sozialwissenschaft methodisch umstritten.

Die Forschung beschreibt einige Fallstricke. Die liegen vor allem beim Befragten:

Befragte verwechseln gern verschiedene Wahlen wie Landtags- oder Bundestagswahl miteinander.

Oder sie vergessen einfach, was sie zuletzt gewählt haben. Sie geben dann eher die Partei an, die sie auch aktuell gewählt haben. Je mehr Zeit zwischen den Wahlen liegt, desto höher ist der Erinnerungsfehler.

Manche Menschen "wollen" sogar vergessen, was sie gewählt haben.

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In der Psychologie nennt man das Kognitive Dissonanz. Wer möchte sich schon vor sich selbst rechtfertigen, vor ein paar Jahren FDP gewählt zu haben, um nun überzeugter Grünen-Wähler zu sein? Menschen möchten, dass sich ihr früheres Verhalten mit dem aktuellem Verhalten deckt.

Über aufwändige "Prüfmessungen" (sozialwissenschaftlich: Validierungsstudien) können Sozialforscher die eigentliche Wahlentscheidung früherer Wahlen mit der angegebenen Wahlentscheidung vergleichen.

Bisherige dieser seltenen Studien kamen zum Ergebnis, dass etwa 15 bis 30 Prozent der gegebenen Antworten bei Erinnerungsfragen inkorrekt sind. Das ist allerdings nur der Durchschnitt.

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich noch krassere Unterschiede. Für Deutschland zeigt beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2017, dass zwar 90 Prozent der Angaben von Stammwählern richtig sind, aber nur 43 Prozent (!) der Angaben von Wechselwählern.

All diese methodischen Probleme führen dazu, dass die Ergebnisse von (Branchen-)Experten nicht wirklich geschätzt werden.

Also alles Quatsch? Es ist kompliziert…

Obwohl es einen großen Anteil an inkorrekten Angaben bei der Wahlerinnerung gibt, zeigen die Validierungsergebnisse der gleichen Studie aus 2017, dass die relativen Verteilungen nicht komplett an der Realität vorbei schießen.

Trotz des großen Messfehlers stimmen die Ergebnisse am Ende also irgendwie trotzdem. Sie stimmen also nicht, stimmen aber doch. Es ist kompliziert.

Welche konkreten Faktoren falsche Angaben befördern (Beispielsweise das Alter, der Bildungsgrad oder die Stärke des politischen Interesses) ist ebenfalls noch nicht ganz erschlossen.

Problem 2: Der Vergleichswert für die Wählerwanderung der Europawahl ist immer die vorangegangene Bundestagswahl

Nun zur Europawahl: Hier bezieht sich die Erinnerungsfrage zur letzten Wahl nicht auf die vorangegangene Europawahl, sondern auf die Bundestagswahl. Das ist methodisch erstmal plausibel, so die Hinweise auf Tagesschau.de:

"Infratest dimap geht davon aus, dass die Rückerinnerungen an vergangene Europawahlen nicht so valide sind, wie die an die jeweils vorangegangene Bundestagswahl: Zumindest in der Vergangenheit waren Europawahlen für die Deutschen eher unbedeutende Wahlen."

Allerdings sind Kommunalwahlen, Landtagswahlen, Bundestagswahlen oder Europawahlen eben unterschiedliche Wahlen, sie fallen gewöhnlich unterschiedlich aus. So erhielt DIE LINKE bei der Stadtratswahl in Dresden 16,2 Prozent, ein Mandat für das Europaparlament wollten aber nur 12,5 Prozent der Dresdner Wählerinnen und Wähler der Partei geben.

Die Grünen sind stärkste Kraft im Dresdner Stadtrat, zur Europawahl erhielt aber die AfD die relative Mehrheit in Dresden. Eine Wählerwanderung von der Bundestagswahl zur Europawahl ist also maximal eine statistische Spielerei.

Dann führen die Werte beim Publikum zu Verwirrung. Und das nicht nur bei der Hobbydemoskopin und dem Hobbydemoskopen auf der heimischen Couch, sondern bei gestandenen Politik-Profis: So spricht Sigmar Gabriel bei Anne Will davon (ab Minute 06:25), dass die SPD trotz gestiegener Wahlbeteiligung 2.000.000 Wähler an Nichtwähler verloren habe.

Das Problem: Die Vergleichszahlen für Wählerwanderung der Europawahl liefert die Bundestagswahl 2017, nicht die Europawahl 2014.

Die Wahlbeteiligung der Bundestagswahl betrug 76,2 Prozent, die der Europawahl 61,4 Prozent.

Für die Vergleichszahlen ist die Wahlbeteiligung also gesunken, obwohl sie für die Europawahl im Vergleich zur vorangegangenen Europawahl eigentlich gestiegen ist. Die Verwirrung ist komplett.

Problem 3: Der Umgang der ARD mit Richtigstellungen

Die Verwirrung um die Datenlage entspringt allerdings nicht nur einer falschen Interpretation, sondern basiert auch auf der Präsentation der Daten kurz nach der Wahl.

Der Screenshot von der ARD wurde kurz nach Veröffentlichung der Zahlen am Wahlabend aufgenommen, es befindet sich kein Hinweis darauf, dass es sich um einen Vergleich mit der Bundestagswahl handelt.

Screenshot Tagesschau.de vom 26.05. kurz nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen/nach Schließung der Wahllokale aufgenommen.

Erst später in der Wahlnacht wurden die Grafiken mit diesem Hinweis versehen. (Tagesschau.de am 27.05., Stand: 01:51 Uhr):

Screenshot Tagesschau.de vom 27.05.2019

Einordnungen und Erklärungen zur Statistik wurden nachträglich eingebaut. Zwar betreiben einige ARD-Anstalten Korrekturseiten (vgl. FLURFUNK vom 20.12.2017), diese kleinen, inhaltlichen Änderungen lassen sich aber weder auf diesen Seiten, noch woanders nachvollziehen.

Damit kommen wir zu einer weiteren Frage: nämlich die der journalistischen Qualität, hier speziell nach Transparenz.

Was sollte sich ändern?

Legitim wäre es allemal, die Wählerwanderung gar nicht mehr zu veröffentlichen, mindestens aber nicht mehr so prominent. Die Daten werden dann natürlich trotzdem von Parteien und Politikern genutzt, für diese sollte es klare Interpretationshilfen und Vorsichtshinweise geben.

Abschaffen sollte man die Angaben konkreter absoluter Zahlen. Diese verführen dazu, die eigentlichen Schätzungen als valide Messung anzunehmen.

Sinnvoller wäre es, Kategorien wie „sehr starke Wählerwanderung“ oder „niedrige Wählerwanderung“ anzulegen.

Und wenn es nicht möglich ist, eine Wählerwanderung von (Europa-)Wahl zu (Europa-)Wahl valide zu messen, sollte man es einfach lassen.

Infratest dimap sollte sich ebenfalls seiner Verantwortung bewusst werden. Sie sollten sich nicht auf Kosten wissenschaftlicher Redlichkeit finanziellen Anreizen ergeben.

Und: Die ARD sollte sich nicht einem Statistik-Voyeurismus auf Kosten journalistischer Qualität ergeben.

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