Vom Hass zerfressen

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Eine Kolumne von Stephan Zwerenz.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan stellte sich die digitale Welt als ein „Globales Dorf“ vor. Durch moderne Kommunikationstechnologien und die weltweite Vernetzung werde die Menschheit näher zusammenrücken.

Als McLuhan diesen Begriff 1962 erstmals verwendete, hatte er bereits einen kitschig positiven Beigeschmack. Mittlerweile hat sich das „Globale Dorf“ eher zu einer Art Sci-Fi-Horror-Thriller entwickelt.

Die sozialen Medien haben eine Eigendynamik entwickelt, die uns in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Ein Spaziergang durchs „Globale Dorf“ ist etwa so entspannend wie ein Flug mit der „Event Horizon“.

War das Web 2.0 vielleicht doch keine so gute Idee?

Das „Globale Dorf“ als kollektiver Alptraum

Im „Globalen Dorf“ können sich auch Menschen aus der bürgerlichen Mitte treffen und zu digitalen Hetzjagden verabreden. Sie müssen nicht mal im selben Raum sein, um ihre widerlichen Hasstiraden auf politisch Andersdenkende, ethnische oder religiöse Gruppen anzustimmen. Was heißt hier Hasskriminalität? Das ist doch lustig!

In geschlossenen Gruppen kann man sich zu Gewalttaten verabreden oder Kinderpornos austauschen. Natürlich teilt man auch gewaltverherrlichende Videos oder verschickt selbstgebastelte Fake News. Es gibt keine Tabus mehr, die man berücksichtigen muss. Ethische Grenzen sind schließlich da, um gebrochen zu werden.

Wer den eigenen Hass an ein noch größeres Publikum herantragen will, kann sich ein paar Alter-Egos zulegen. Doch eigene Posts selber zu liken oder zu kommentieren ist stümperhaft und nur wenig befriedigend. Wer wirklich professionell Hass verbreiten will, beauftragt Like-Factories dafür oder kauft sich größere Reichweiten bei Anbietern wie Twitter und Facebook.

Hate it or leave it

Natürlich kann man auch Social Bots damit beauftragen. Aber es ist natürlich ein viel schöneres Gefühl, in seinem Hass von echten Menschen bestätigt zu werden. Untersuchungen ergeben immer wieder, dass es genug Engagierte gibt, die das Gesprächsklima im Netz bereitwillig anheizen.

Selbst wenn diese eigentlich in der Minderheit sind, vermitteln sie durch gezielte Kampagnen den Eindruck, dass eine breite Masse der Bevölkerung offen für die „Wahrheit“ ist. Letztlich verwechseln sie aber den „Mut zur Wahrheit“ mit moralischer und ethischer Entgleisung und sorgen dafür, dass das Netz vom Hass zerfressen wird.

Das Problem dabei ist nämlich, dass Hass zum einen extrem ansteckend ist und die User*innen zu Reflexhandlungen anstiften. Die negative Stimmung nehmen sie dann mit ihren Alltag. Zum anderen belohnen die Algorithmen von Internetseiten wie Facebook und Twitter polarisierende Hasskommentare mit großen Reichweiten.

Eine neue Hoffnung?

Aber was tun gegen den Hass im Netz? Die Bundesregierung hat durch die Verschärfung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) vom 19. Juni 2020 Bemühungen gezeigt, aktiv gegen Hasskriminalität vorzugehen. Diese soll es nun ermöglichen, dass Hasskommentare, Beleidigungen und Hetze strenger geahndet werden.

Gesetze dazu gab es bereits. Die Neuerung zielt aber darauf ab, dass die Identität von Hetzer*innen leichter ermittelt werden kann. Deshalb werden Web-Anbieter jetzt dazu verpflichtet, gemeldete und justiziable Inhalte zu löschen und an das BKA weiterzuleiten, zusammen mit IP-Adressen der User*innen, ihren Portnummern und Passwörtern.

Damit man nun nicht massenweise neues Personal einstellen muss, die die Meldungen überprüfen, werden Verdachtsdatenbanken angelegt. Diese könnten allerdings zu einem begehrten Ziel für Hacker werden. Netzpolitische Verbände warnten bereits im Februar davor und verfassten einen offenen Brief an Bundesjustizministerin Christine Lamprecht (SPD).

Darin heißt es:

„Solch eine Verdachtsdatenbank stellt einen Dammbruch in bisher nicht gekanntem Ausmaß dar, der dazu geeignet ist, die Grundsätze unseres Rechtsstaats und unserer liberalen Demokratie zu erodieren.“

Zudem verwiesen sie darin auch auf wiederholte Datenmissbrauchsfälle innerhalb der Polizeibehörden. Beamt*innen nutzten gesammelte Daten unter anderem für private Zwecke oder sendeten sie an rechtsextreme Netzwerke weiter.

Andererseits bleibt es natürlich fraglich, wie die Bedrohung durch meist dezentral organisierte Trollnetzwerke anders bekämpft werden soll, als durch den Aufbau von Datenbanken, durch die sich Muster erkennen lassen.

Internetportale müssen selbst aktiv werden

Der Facebook-Account von Winfried Kretschmann (Grüne) ist erst vergangene Woche Opfer eines systematischen Angriffs durch sogenannte „Corona-Rebellen“ und Verschwörungsideologen geworden.

In 20 Stunden wurden über 4.000 Kommentare unter einen Post gesetzt. Die zuständige Pressestelle fühlte sich dazu genötigt, die Seite zeitweise vom Netz zu nehmen. Es war nicht möglich, auf die Flut von „Falschaussagen, Verschwörungserzählungen, Drohungen, Beleidigungen und andere strafrechtlich relevante Inhalte“ sinnvoll zu reagieren.

Durch das neue NetzDG kann zwar juristisch gesehen effektiver gegen solche Angriffe vorgegangen werden. Doch Internetportale wie Facebook, YouTube, Twitter oder Instagram sind nicht dazu verpflichtet, selbst Initiative zu ergreifen. Inhalte müssen weiterhin von Nutzer*innen selbst gemeldet werden. Und selbst dann ist nicht klar, ob die zuständigen Mitarbeiter*innen die Posts als problematisch einstufen. Bewertungsmaßstäbe sind nämlich selbstgesetzte Firmenstandards und Gesetzeslagen jener Länder, in denen die Web-Unternehmen beheimatet sind.

Das heißt, dass das neue NetzDG ohne die aktive Zuarbeit der Internetportale nichts weiter ist als ein zweifelhaftes Gesetz, das die Grundrechte der Menschen einschränkt. Denn sowohl das Fernmeldegeheimnis als auch Persönlichkeitsrechte und Datenschutz der Nutzer*innen werden dadurch verletzt.

Hass als politisches Mittel

Dass gezielter Hass dazu genutzt werden kann, um Menschen politisch zu indoktrinieren, wurde bereits in Orwells „1984“ wunderbar dargestellt. Durch den sogenannten „Zwei-Minuten-Hass“ wird die Gesellschaft Ozeaniens dazu animiert, die eigene Unzufriedenheit auf den politischen Gegner zu projizieren.

Hauptprotagonist Winston ertappt sich dabei, wie er freiwillig bei diesem Wahnsinn mitmacht. Er spürt allerdings nur ansatzweise, welche psychischen Prozesse dabei in ihm wirklich ablaufen. Die Gehirnwäsche durch kollektiven Hass setzt nämlich auf Freiwilligkeit und wird von den Akteur*innen sogar als Akt der Befreiung empfunden.

Diese Form der Manipulation baut auf negativen Gefühlen auf und vertieft sie gezielt. Damit wird nicht nur jede rationale Argumentation im Keim erstickt, sondern auch alle konstruktiven Inhalte überstrahlt. Das politische Umfeld von AfD, Donald Trump, Viktor Orbán oder auch Boris Johnson nutzt diese Mechanismen, um die politische Stimmung für ihre Zwecke zu beeinflussen.

Hass ist geschäftsschädigend

Diese Stimmungsmache steht allerdings der Strategie der Produktwerbung entgegen, die meist auf positiven Gefühlen aufbaut. Politische Hasskommentare, Beleidigungen und Drohungen findet man aber vor allem bei Facebook in jeglichen Kommentarspalten – ein toxisches Umfeld für alle, auch für die Werbeindustrie.

Diese hat reale Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Auch deshalb organisieren sich jetzt viele Firmen unter dem Hashtag #StopHateForProfit und boykottieren Facebook als Werbepartner. Fast einhundert Firmen haben sich mittlerweile dem Werbeboykott angeschlossen, um Mark Zuckerberg zum Handeln zu bewegen. Der aber verweist auf eine Studie der EU-Kommission, die Facebook als Vorreiter anführt, was das Löschen von Hassnachrichten im Netz betrifft.

Wer allerdings selbst schon einmal Hass-Posts gemeldet hat, weiß, wie inkonsequent soziale Netzwerke im allgemeinen gegen Hassnachrichten vorgehen. Effizienter als sich auf die Meldefunktionen zu verlassen wäre es wohl, kritische Inhalte selbst zur Anzeige zu bringen. Das BKA hat dafür extra eine Meldestelle für Hetze im Internet eingerichtet.

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