Carsten Dietmann: “Weder Verkaufsbemühungen noch eine endgültige Entscheidung”

Mit der Fusion von RTL und Gruner + Jahr (vgl. Tagesspiegel vom 6.8.2021) innerhalb des Bertelsmann-Konzerns sind auch Gerüchte über die einzige Zeitungsbeteiligung des Verlagshauses Gruner + Jahr entstanden.

Aktuell gehören 60 Prozent der DDV-Mediengruppe (mit den mit den Marken Sächsische.de/Sächsische Zeitung, Tag24/Morgenpost Sachsen, PostModernOberüber+Karger u.a.) zu Gruner + Jahr, die übrigen 40 Prozent hält die SPD-Medienbeteiligungsgesellschaft Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft.

Stehen die Sächsische Zeitung und das Mutterhaus DDV zum Verkauf? Wir haben DDV-Geschäftsführer Carsten Dietmann gefragt.

"Wir bleiben in der Zeitungslandschaft ein einmaliges Beispiel"

FLURFUNK: Bertelsmann hat RTL und Gruner + Jahr fusioniert. In der Pressemitteilung tauchen die DDV Mediengruppe und die Sächsische Zeitung aus Dresden aber nicht auf – obwohl G+J einer der DDV-Gesellschafter ist. Woran liegt das? 

Carsten Dietmann am 08.02.2022 im Newsroom der Sächsischen Zeitung (Haus der Presse) in Dresden. Foto: Arvid Müller

Carsten Dietmann: Die Fusion hat folgenden Hintergrund: Man hat im Bertelsmann-Reich erkannt, dass man im Besitz von zwei nationalen Playern ist, die viele Dinge – der eine im Fernsehbereich, der andere im Printbereich – doppelt recherchieren und dann als separate Marken ausspielen, die also im Grunde die gleichen Themenbereiche doppelt besetzen. Das Synergie-Potenzial möchte man heben. Wir als regionales Medium sind da kein Synergie-Spender und gehören da auch nicht rein. 

FLURFUNK: Die Sächsische Zeitung, die DDV-Mediengruppe, ist immer noch die einzige Regionalzeitung im ganzen Konstrukt Gruner + Jahr. Da bietet die ganze Fusion natürlich Raum für Spekulationen, etwa dass man die Sächsische Zeitung zum Verkauf anbietet. Ist das der Fall? 

Dietmann: Wir sind nicht die einzigen, die man nicht mit in die Fusion hinein genommen hat. Gruner + Jahr als Verlag hat sich quasi eigenständig entwickelt, ist Beteiligungen und Gründungen eingegangen. Als man jetzt die großen Zeitschriftenmarken mit RTL fusionieren wollte, hat man schnell erkannt, dass die Agentur Territory, das Start-up AppLike als auch die Spiegel-Beteiligung und eben wir da nicht reingehören. Wir alle sind nun in einer Medienholding von Bertelsmann geparkt. Vermutlich wird Bertelsmann im zweiten Schritt die Sinnhaftigkeit dieser Beteiligungen im Bertelsmann Portfolio überprüfen. Dabei liegt momentan der Fokus aber auf der Umsetzung der großen Fusion – meines Wissens nach gibt es zur Zeit weder Verkaufsbemühungen noch eine endgültige Entscheidung zum Verbleib der Beteiligungen. 

FLURFUNK: Macht es denn Sinn für Bertelsmann, eine Zeitungsbeteiligung zu behalten? 

Dietmann: Da wäre jetzt die einfachste Antwort, da muss man Bertelsmann-CEO Thomas Rabe fragen. Es ist natürlich so: Das Synergie-Potenzial zu dem international tätigen Bertelsmann Konzern ist begrenzt – Zeitungsgruppen hingegen können leichter Synergien untereinander heben als eine eigenständige Zeitung das kann. Umgekehrt weise ich aber immer wieder darauf hin, dass jede eigenständige Zeitung faktisch mit diversen Zeitungspartnern jede Synergie eingehen kann. Sogar mit der Chance, sich seine Partner selber zu wählen und nicht einem – in Anführungszeichen – ausgeliefert zu sein. Und genau das tun wir an vielen Stellen. Wir kaufen zum Beispiel den Mantel beim Tagesspiegel ein oder haben eine gemeinsame Serviceredaktion mit der Freien Presse oder diverse Geschäftsbesorgungen für die DNN. Von daher kann man auch eigenständige Zeitungen synergetisch und damit so ökonomisch führen, wie eine Zeitung in der Gruppe. 

FLURFUNK: Also läuft das langfristig darauf hinaus, dass die DDV irgendwann den Eigentümer wechselt? Oder verstehe ich das falsch? 

Dietmann: Also erst mal ist es ja so, dass die DDV zwei Eigentümer hat: Die ddvg und das „alte Gruner + Jahr“. Demnach sind es momentan die 60 Prozent, welche Gruner + Jahr hält, über die man spekulieren könnte. Wenn das passiert, steht immer noch die Frage, wie sich der andere Gesellschafter dazu verhält. Ob er möglicherweise zukauft oder ob die zur Disposition stehenden Anteile an einen Dritten veräußert werden. 

FLURFUNK: Wenn spekuliert wird, ist das ja oft so, dass schon konkrete Namen fallen. Jetzt liefert der Tagesspiegel den Mantel. Wäre also Holtzbrinck als Eigentümer ein potentieller Interessent? Oder kommt Madsack in Frage, denen LVZ und DNN gehören? 

Dietmann: An die Geschäftsführung vor Ort gibt es momentan weder den Auftrag Interessenten zu suchen, noch den Auftrag, einen Datenraum einzurichten oder potentiellen Investoren Auskünfte zu geben. 

FLURFUNK: Wie attraktiv ist denn überhaupt die Sächsische Zeitung für einen potentiellen Käufer? Der Transformationsprozess von Print zu Digital ist doch im Grunde bei noch keiner regionalen Zeitung abgeschlossen, oder? Also Print ist immer noch die wichtige Säule für das Medium, richtig?  

Dietmann: Wir bleiben in der Zeitungslandschaft ja insofern ein bislang einmaliges Beispiel, als dass wir uns sehr früh sehr breit aufgestellt haben. Als jetzt die Fusion von RTL und Gruner + Jahr bekannt gegeben wurde, gab es die ersten Gerüchte, die sagten, die DDV ist schwer in andere Zeitungsverlage integrierbar. Das sehe ich grundsätzlich anders. Die Dinge, die wir getan haben, sind wirtschaftlich sinnvoll und machen meiner Meinung nach einen Zeitungsverlag zukunftsfähiger. Und diese Dinge wären auch für einen Käufer durchaus übertragbar. Umgekehrt ist die Transformation definitiv noch nicht abgeschlossen – das Risiko eines Scheiterns muss jeder Investor natürlich selber einschätzen.

FLURFUNK: Was auch zu Spekulationen geführt hat: Was bedeutet denn die Schließung der Druckerei Prinovis für die DDV?

Dietmann: Es ist generell so, dass das Tiefdruckverfahren auf Dauer nicht mehr zukunftsfähig ist, weil es auf der einen Seite recht hoher Auflagen bedarf, es aber weder die Zeitschriften noch die Kataloge in diesen Größenordnungen mehr gibt. Andererseits werden die Offset-Verfahren immer besser und greifen die Tiefdruck-Verfahren an dieser Stelle an. Von daher war ein Ende der Tiefdruckerei in den nächsten Jahren absehbar. Dass das jetzt so schnell passiert, war für uns allerdings überraschend und stellt uns vor Herausforderungen: Wir sind auf einem Grundstück, nutzen eine Infrastruktur und müssen jetzt in wenigen Monaten quasi autonom werden. Hinzu kommt: Das Tiefdruck-Verfahren ist deutlich energieintensiver. Die logische Konsequenz daraus war in der Vergangenheit, dass die ganzen Verträge im Lead durch Prinovis gehalten wurden und wir sie im Prinzip nur als Abnehmer mitgenutzt haben. Das müssen wir uns jetzt alles neu erschließen und erarbeiten, da sind wir gerade intensiv dabei.

FLURFUNK: Wenn man sagt, mittelfristig ist absehbar, dass die gedruckte Zeitung nicht mehr diese zentrale Rolle spielen wird, weil Abo- und Verkaufszahlen zurückgehen – da ist Online aber noch nicht im gleichen Maßen wirtschaftlich nachgerückt?  

Dietmann: Es ist definitiv so, dass Print im Moment noch benötigt wird, um das Gesamtkonstrukt zu finanzieren. Print ist ein Geschäft, dass maßgeblich von einfachen Tätigkeiten geprägt ist, allen voran das tägliche Verteilen. Diese einfacheren Tätigkeiten werden durch den Mindestlohn immer teurer und dementsprechend auch schwieriger zu realisieren. Von daher ist jeder Zeitungsverlag gut beraten, wenn er den Shift ins Digitale hinbekommt. Dafür kann er das Geld, dass er im Print momentan verdient, einsetzen. Aber er kann sich nicht darauf verlassen, dass Print das Geld in einigen Jahren noch verdient. 

FLURFUNK: Das ist jetzt etwas spitz formuliert, aber ist die DDV langfristig nur noch ein Postdienstleister oder Reiseanbieter oder Agenturdienstleister mit einem Medium als Aushängeschild? Ist das die Perspektive? 

Dietmann: Wir sind und bleiben ein Medienunternehmen, dass sich mit bestimmten flankierenden Tätigkeiten Refinanzierungsmöglichkeiten und Synergien gesucht hat. Diese Synergien benötigen die Kommunikationskraft einer Mediengruppe. Von daher ist also weder aus der ursächlichen Entstehungsgeschichte heraus noch aufgrund dieser Synergien mein Interesse, den Kern des Unternehmens abzuschaffen. Dadurch, dass wir diese flankierenden Geschäfte aufgebaut haben, sind wir aber  möglicherweise länger in der Lage, ein Mediengeschäft aufrecht zu erhalten, als andere, die sich ausschließlich darauf verlassen. Wir reden davon, dass wir Print ins Digitale überführen. Das braucht Zeit und Geld für Doppelstrukturen! Wir müssen auf der einen Seite die Infrastruktur von Print aufrechterhalten, auf der anderen Seite die neue Infrastruktur einer Digitalverbreitung schaffen. Und haben im Grunde doppelte Kosten und trotzdem in Summe nicht mehr Abonnenten, sondern solche, die von der einen zur anderen Seite wechseln. Richtig abgeschlossen ist dieser Transformationsprozess natürlich erst, wenn man sagt, jetzt sind wir alle digital oder jetzt haben wir eine Lösung gefunden, in der es schwerpunktmäßig Digital-Abos gibt, und dann möglicherweise noch ein paar Print-Abos, die zum Beispiel über unsere Post mitverteilt werden. Erst dann sind wir an dem Punkt, wo wir sagen, das neue Geschäft ist tragfähig. Und der Weg dahin ist kostenintensiv. Da sind meiner Meinung nach Verlage wie wir, die noch andere Refinanzierungsquellen haben, eindeutig im Vorteil. 

FLURFUNK: Auf dem Weg von: Alle Print-Abonnenten werden Online-Abonnenten -  wo steht die DDV da aktuell? 

Dietmann: Ich versuche mal, in relativ harter Währung zu argumentieren. Wir haben ungefähr 20.000 Digital-Abos, also Leute, die sich entschieden haben, nur ein Digital-Abo zu haben und dafür zu bezahlen. Das Ganze verteilt sich etwa hälftig auf ePaper und sächsische.de-Abos. Demgegenüber stehen ungefähr 170.000 Print-Abonnenten. Da sieht man, dass das Verhältnis einfach immer noch 1:8 ist. Der Trend ist okay, das heißt also wir gewinnen permanent Digital-Abos dazu, wir verlieren aber eben auch Print-Abos. Und der Saldo ist noch nicht positiv. Das wäre natürlich das erste Ziel, die gemeinsame Auflage stabil zu halten. Glücklicherweise werden die kostenlosen Angebote im Netz immer weniger und damit steigt die Bereitschaft der Bevölkerung, für ein Digital-Abo zu bezahlen.  

FLURFUNK: Angenommen, ich bin Lokal-Redakteur einer Zeitung: Was sind da die Job-Perspektiven? Gibt es den Job in drei Jahren noch? 

Dietmann: Ich bin davon überzeugt, dass der Job des Lokaljournalisten dauerhaft erhalten bleibt. Die Frage ist nur, welche Geschäftsmodelle dahinterstehen. Da sind natürlich in erster Linie die vorhandenen Medien, mit Vertrauen, Tradition, Bekanntheit und Erfahrung in der Pflicht, ihr Geschäft zu entwickeln. Gleichzeitig haben Redakteure heute leichter eigene Marktzugänge und können sich als eigene Marke etablieren. Möglicherweise werden sich  in dieser Phase noch neue StartUps entwickeln, die Lokaljournalismus vielleicht nur im Netz verbreiten.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview.

Interview: Peter Stawowy

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