Gegen den Strom im Funkwellenmeer – Piratensender „Outaspace“

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Herbst 2002. Es ist Sonntag. Der Himmel ist grau. Es regnet. Jemand steht seit eineinhalb Stunden einsam am Rand eines Feldes. Seine Nase läuft ununterbrochen. Er ist schon völlig durchnässt und scheint zu frieren. In seinen Händen hält er einen Sender und ein Abspielgerät mit einer vorproduzierten Sendung. Von der Südhöhe aus hat er einen wunderschönen Blick auf Dresden. Unter ihm erstreckt sich das Tal der Ahnungslosen.

Dank ihm leitet der Piratensender "Outaspace" sein erstes Lebenszeichen in die Rundfunkwellen von Dresden. Illegal. Der Sender strahlt sein Programm in den Äther der Stadt und besitzt wie alle Piratenradios keine Sendelizenz. Lizenzen kosten Geld. Die meist aus der Neustadt kommenden jungen Erwachsenen haben jedoch keines. Spenden würden das nötige Geld bringen. Aber um Spenden entgegenzunehmen, bedarf es eines öffentlichen Auftritts - zu riskant. Die Angst sitzt im Nacken. Es muss also auch ohne gehen.

Um so etwas durchzuziehen, braucht es vor allem vollstes Vertrauen. Ein falscher Kontakt und sie wären aufgeflogen. Schließlich ist die ganze Sache äußerst heikel: "heikel deshalb, weil wir mit einer sechsstelligen Strafe gerechnet haben", erinnert sich der ehemalige Radiopirat Maik S. Trotzdem steigt die Zahl der Radiopiraten auf über 100 an. Schließlich werden die Sendungen gut angenommen und "Outaspace" erreicht Kultstatus in Dresden. Es gibt keine hierarchische Struktur. Das passt einfach nicht zu den politischen Einstellungen der Piraten. Wer etwas gut kann und Interesse hat, darf es auch machen. Alles ist möglich. Durch die Ausweitung der Sendezeit entwickelt sich ein fester Programmplan mit Sendungen wie beispielsweise der "Hey Show" am Mittwochabend oder "Psych-Out" am Freitag. Während am Dienstag Rock gespielt wird, kann der Hörer am Sonntag mit Reggae-Musik die Woche beenden. Weniger bekannte Musik hören und Leuten bei Gesprächen über banale Dinge wie dem Schmieren eines Brötchens oder dem Kaffeeschlürfen lauschen, das hat seinen Reiz.

"Psych-Out" ist die Sendung von Maik und einer Freundin. Seine Motivation ist "Musik, die man selber mag mit anderen zu teilen. Wir wollen Radio machen, das uns gefällt und den Leuten gerecht wird." Die Radiopiraten sehen Musik nicht als Füllstoff zwischen Werbung und Nachrichten. Sie wollen neues Radio jenseits des Massengeschmacks machen und dadurch zur Vielfalt beitragen. Doch wird die positive Aufbruchstimmung durch die Illegalität spürbar getrübt. Einerseits hat das Verbotene seinen Reiz, zieht aber andererseits auch spürbare Nachteile nach sich. So ist das Klima untereinander angespannter. Auch wichtige Punkte wie die Transparenz der internen Vorgänge "sind einfach nicht möglich, weil wir eben so viel geheim halten müssen", fasst Maik eins der Hauptprobleme zusammen. Hinzu kommen die Umstände, die die Macher von "Outaspace" verärgern. Ihnen ist das Medienrecht in Dresden zu eng gefasst. Der Medienrat der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) besteht aus nur fünf Mitgliedern. "Wie kann es sein, dass diese wenigen Leute Entscheidungen in so undemokratischer Weise über die gesamte sächsische Medienlandschaft treffen?", empört sich Maik.

Alles hat irgendwann ein Ende. Für "Outaspace" kommt das Aus im März 2003. Mehrere Gründe führen zur Auflösung des Piratensenders. Nicht nur innere Konflikte, sondern auch der Druck von Außen tragen dazu bei. Die SLM drängt "Outaspace" dazu, sich öffentlich zu machen. Die "Sächsische Zeitung" berichtet im März 2003, dass die Behörden das Bußgeld niedriger ansetzen, wenn sich "Outaspace" stellt. Der Kontakt zur SLM erfolgt jedoch stets nur über Dritte. So verschwindet der Piratensender in der Versenkung. Im April 2003 schreibt die SLM eine neue UKW-Frequenz aus. Martin Deitenbeck, Geschäftsführer der SLM, dazu: "Für die ausgeschriebenen Frequenzen hat sich ‘Outaspace‘ jedoch nicht beworben." Maik S. behauptet: "Ich habe nie von einer solchen Ausschreibung gewusst."

Was bleibt nun übrig von "Outaspace"? Die Erinnerung an einen anderen, vielleicht sogar an einen besseren Radiosender. Aber vor allem zeigt es, dass Vielfalt an Radiosendern nicht gleich bedeutet, dass die Sender gerne gehört werden. Heutzutage ist es ähnlich. Viele Sender, aber überall läuft das Gleiche. Die Macher von "Outaspace" wollten mit ihrem Radiosender gegen den Strom der bisherigen Radiosender schwimmen. Nur hat man ihnen letzten Endes leider den Wind aus den Segeln genommen. Einige der Redakteure von damals arbeiten heute bei coloRadio in Dresden. Der freie Sender hat finanzielle Probleme. Er versucht sich aktuell mit Spenden über Wasser zu halten und kämpft um seine Existenz.

Auf der Südhöhe wird es langsam dunkel, die Lichter der Stadt erhellen nun das Tal. Er weiß nicht, wie viele Hörer die Sendung verfolgen. Sicher einige. Schnell packt er den Sender und das Gerät in seinen Rucksack. Jetzt kann er nach Hause, sich aufwärmen. Morgen treffen sie sich und planen die weiteren Schritte ihres eigenen kleinen Senders. Radiopiraten. Die Sache scheint ernst zu werden.
Er lächelt.

Marie Brombach, Julius Wußmann, Caroline Böhme 09.2.2011

Diese Arbeit entstand vergangenes Wintersemester im Rahmen des Seminars "Journalismus" am Institut für Kommunikationswissenschaften der TU Dresden. Dozent ist Peter Stawowy, Betreiber von Flurfunk Dresden. Der Text ist Teil der Seminarnote.

 

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