Interview zu 15-Jahre Neustadt-Geflüster: „Das Viertel ist angekommen“

Seit 15 Jahren veröffentlicht Jan Frintert unter dem Pseudonym Anton Launer kurze Meldungen, Fotos und Geschichten in seinem Blog "Neustadt-Geflüster" (www.neustadt-ticker.de). Was am 23.6.1999 als Umsetzung einer Zeitungskolumne ins Internet begann, ist heute ein ausgewachsenes Online-Magazin. Ein Geburtstags-Interview über die Anfangszeit, Höhe- und Tiefpunkte und die langfristigen Perspektiven.

Jan Frintert, Foto: Tobias Strahl

Jan Frintert, Foto: Tobias Strahl

Flurfunk Dresden: Seit 15 Jahren gibt es das Neustadt-Geflüster – herzlichen Glückwunsch! Hättest Du erwartet, dass das so eine lang angelegte Geschichte wird?
Jan Frintert: Es fing ja alles mit einer Kolumne in der "Sächsischen Zeitung" an. Thomas Bärsch, damals Nachrichten-Chef der "SZ", hatte die Idee und stuppste mich an. Die erschienenen Geschichten stellte ich dann auch online. Wie sich das entwickeln würde, konnte ich zu dem Punkt nicht ahnen. Dass aus einzelnen Kolumnen nun ein sublokales Online-Magazin wurde, daran ist auch wieder ein Ex-Chef der "SZ" schuld. Lokal-Chef Peter Ufer wollte die Kolumne nicht mehr im Blatt haben. Aber nach nunmehr sechs Jahren war mir das Neustadt-Geflüster ans Herz gewachsen. Die Geschichten veränderten sich, wurden nachrichtlicher. Meldungen und Ankündigungen zogen ein und seit Ende 2007 dann ein schickes Blog-System mit Kommentarfunktion.

Flurfunk Dresden: Wieso ein Pseudonym? Woher kommt der Name "Anton Launer"?
Frintert: Ursprünglich sollte die Geschichte in der "SZ" von mehreren Leuten geschrieben werden, daher das Pseudonym. Die Neustadt wird auch Anton-Stadt genannt, nach dem KaiserKönig, der ihr Stadtrecht verlieh. Und Launer kommt von der Alaunstraße.

Flurfunk Dresden: Worum ging es in der ersten Meldung?
Frintert: Die erste Kolumne hatte den passende Titel: "Alles wieder vorbei" und war ein Fazit zu den BRN-Feierlichkeiten im Jahre 1999.

Flurfunk Dresden: Hast Du manchmal ans Aufgeben gedacht?
Frintert: Seit sieben Jahren nicht mehr.

Flurfunk Dresden: Gibt es Geschichten, die du heute so nicht mehr bloggen würdest oder sogar bereust?
Frintert: Gerade in der Umbruchzeit, im Wandel von den Zeitungsgeschichten zum Online-Magazin, waren viele Kurzmeldungen im Neustadt-Geflüster zu lesen. Inzwischen stecke ich wesentlich mehr Zeit in die Recherche. Und klar sind auch mal ein paar Fehler passiert, aber bereuen muss ich keine Geschichte.

Screenshot Neustadt-Geflüster

Screenshot Neustadt-Geflüster

Flurfunk Dresden: Was war bislang dein größtes Highlight?
Frintert: Das liegt nun noch gar nicht so lange zurück. Seit einer Weile ist es ziemlich angesagt, an einer Neustädter Kreuzung herumzusitzen und die vorbeifahrende Straßenbahn zu streicheln. Die Geschichte brachte ich und sie führte zu Reaktionen bei den Dresdner Verkehrsbetrieben. Und als ich dann veröffentlichte, dass es Überlegungen gibt, die Bahn ganz aus dem Szeneviertel zu verbannen, berichteten in den nächsten Tag alle Zeitungen und etliche Radiosender über das Thema.

Flurfunk Dresden: Wie viele Leser hast Du im Monat?
Frintert: Zwischen 80.000 und 100.000 Leser schauen sich pro Monat etwas mehr als eine halbe Million Seiten auf dem Neustadt-Geflüster an.

Flurfunk Dresden: Wovon lebt man als Neustadt-Blogger? Lohnen die Anzeigenumsätze? Frintert: Das Neustadt-Geflüster ist inzwischen ja kein Ein-Mann-Betrieb mehr. Zur festen Redaktion gehören drei Leute, neben mir ist das eine freie Mitarbeiterin, der ich inzwischen auch ein kleines Honorar bezahlen kann und eine Praktikantin. Die Anzeigenumsätze wachsen kontinuierlich und haben im vergangenen Jahr knapp die 10.000-Euro-Grenze überstiegen. Aber da ist noch ordentlich Luft nach oben. Freuen würde ich mich, wenn auch die größeren Dresdner Unternehmen die potente Neustädter Zielgruppe erkennen. Aber möglicherweise gibt es da von unserer Seite auch noch ein paar Akquisitionsreserven.

Flurfunk Dresden: Wie ist dein Verhältnis zu den anderen Dresdner Medien? Nehmen die dich ernst?
Frintert: Zu den Journalisten vor Ort in der Neustadt habe ich ein gutes Verhältnis. Gelegentlich kommen auch mal Anfragen an den Neustadt-Experten an. Also: Ja.

Flurfunk Dresden: Gibt es Dresdner Blogs, auf die Du nicht verzichtenmöchtest?
Frintert: Andere aktive Neustädter Blogs gibt es ja leider nicht mehr. Aber für den Dresdner Raum möchte ich empfehlen: "Unkorrekt. Dresdner Betrachtungen nach Redaktionsschluss", das "Journal ohne Ismus", den "Statistik-Blog" und natürlich den "Flurfunk".

Flurfunk Dresden: Danke für die Erwähnung! Wo steht das Neustadtgeflüster in 15 Jahren? Gibt es aktuelle Planungen von deiner Seite?
Frintert: 15 Jahre sind eine mächtig lange Zeit. Da wage ich keine Prognose abzugeben. Wünschen würde ich mir, dass es das Neustadt-Geflüster dann noch gibt und etliche eifrige Nachwuchsjournalisten mitarbeiten, während ich mich auf das Abgeben gelegentlicher Altersweisheiten zurückziehen kann. Passend dazu habe ich vor einer kleinen Weile schon die Rubrik "Früher war alles besser?" ins Leben gerufen. Aktuell geplant ist, das Buch zum Neustadt-Geflüster herauszugeben. Noch in diesem Jahr sollen die 30 besten Geschichten aus 15 Jahren erscheinen.

Flurfunk Dresden: Und wo siehst du die Dresdner Neustadt in 15 Jahren?
Frintert: Die Geschwindigkeit des Wandels der vergangenen Jahre wird abnehmen. Das Viertel ist angekommen. Viele Revoluzzer der wilden Jahre haben sich jetzt gemütlich eingerichtet. Dennoch wird die Neustadt auch in 15 Jahren immer noch Dresdens schönster Stadtteil sein. Nur leider eben für Nachwuchs-Wilde nicht mehr bezahlbar.

Flurfunk Dresden: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person Jan Frintert: Der 1972 in Dresden geborene Frintert studierte Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Seit 2004 betreibt er die PR-Agentur Textwerkstatt Dresden. Nach dem Studium arbeitete er als freier Journalist u.a. bei der "DNN", Radio Dresden, MDR und "Sächsische Zeitung". 2005 bis 2006 leitete er die Redaktion von Dresden Fernsehen. 1999 startete er Dresdens wohl bekanntestes und reichweitenstärkstes Blog "Neustadt-Geflüster".

1 Kommentar
  • Muyserin
    Juni 23, 2014

    Ich fall' gleich vom Stuhl. Danke für die lobende Erwähnung!

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