The Buzzard: „Ein Online-Medium gemeinsam mit der Community“

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"Milliarden für die Lufthansa" ("6 Perspektiven"), "Soll Fleisch teurer werden" ("Debatte mit 7 Perspektiven") - seit wenigen Tagen steht die App von The Buzzard zum Download zur Verfügung (Links am Ende dieses Beitrages).

Das Nachrichtenangebot will Nutzerinnen und Nutzern dabei helfen, sich eine eigene Meinungen zu den unterschiedlichsten Themen aus der aktuellen Nachrichtenlage zu bilden - in dem es Beiträge unterschiedlicher Medien zu dem jeweiligen Thema sammelt.

Das Journalismus-StartUp aus Leipzig hatte dafür im Dezember 2019 rund 170.000 Euro über Crowdfunding eingesammelt (FLURFUNK vom 6.12.2019: "Erstes Crowdfunding-Ziel geschafft: The Buzzard kann starten").

Noch in der Schlussphase der Crowdfunding-Kampagne hagelte es allerdings Kritik. Grund war, dass diverse Blogs und Nachrichtenangebote mit eher unjournalistischem und politisch fragwürdigem Hintergrund ebenfalls in die Perspektivenauswahl von The Buzzard mit einfließen sollten (vgl. Übermedien vom 12.12.2019: "Den Blick auf die Welt weiten – mit rechtsradikalen Blogs?").

Wir haben Dario Nassal, einen der Gründer von The Buzzard, gefragt, wie die Betaphase der App gelaufen ist und was sie aus der Kritik gelernt haben.

"Uns ist wichtig, Medien, die auf Buzzard stattfinden, sorgfältig zu prüfen."

FLURFUNK: Wie war das Feedback nach der Beta-Phase?

Dario Nassal: Das Feedback war äußerst positiv. Rund 500 Nutzerinnen und Nutzer haben uns detailliert Feedback vor und nach der Testphase gegeben. Neben Lob wie: "So wie Buzzard sollte jede Newsapp aufgebaut sein" und: "Ich kann den Start kaum erwarten", waren auch viele hilfreiche Ideen und Tipps dabei, wie Buzzard noch besser werden kann. Das geht von Feature-Ideen zu Themenvorschlägen bis hin zu konkretem Feedback zu einzelnen Design-Elementen. Ein wichtiges Fazit aus dem Feedback der Community ist auf jeden Fall, dass wir in der Newsapp noch mehr auf internationale Stimmen wert legen werden und mehr Themen abseits von Corona setzen werden.
Ich bin begeistert, wie stark sich unsere Community beteiligt. Und das entspricht auch unserer Vision. Denn Buzzard soll nicht in erster Linie ein Online-Medium sein, das wir für die Community herausgeben, sondern ein Online-Medium, das wir gemeinsam mit der Community erschaffen.

FLURFUNK: Was genau erwartet die Nutzerinnen und Nutzer denn jetzt?

Dario: Unser Claim lautet: Eine App, alle Perspektiven. Und dieses Versprechen versuchen wir bestmöglich umzusetzen. Das bedeutet: Einmal am Tag zum Feierabend bekommen Buzzard Leserinnen und Leser den Überblick zu unterschiedlichen Medienperspektiven von allen Seiten des politischen Spektrums zu den Themen des Tages. Die Ausgabe erscheint werktäglich von Montag bis Freitag um 18 Uhr. Wir konzentrieren uns auf politische Themen.
Konkret liefern wir in der App zwei tagesaktuelle Themen und eine Debatte pro Tag. Zu jedem Thema zeigen wir vier bis acht Medienbeiträge im Überblick. Alle Beiträge werden von unserer Redaktion kuratiert, zusammengefasst und journalistisch eingeordnet. Die journalistische Einordnung und die Prüfung der Fakten ist wichtig. Gerade in einer Zeit wie jetzt, in der Verschwörungsmythen besonders beliebt sind.

FLURFUNK: Es gab im Winter einige Aufregung darüber, welche Medien ihr einbindet und berücksichtigt. Insbesondere wurde Euch vorgeworfen, bestimmte Quellen unkritisch einzubinden und damit extremen Positionen unreflektiert Gehör zu verschaffen. Wie seid ihr mit der Kritik umgegangen?

Dario: Die Kritikwelle im Dezember bezog sich auf unsere Quellenauswahl während der Pilotphase von Buzzard. Wir hatten eine rechtsextreme Quelle in einer unserer Debatten von 2017 verlinkt, PI News, daran hat sich die Kritik in erster Linie entzündet. Unsere Absicht war in der Pilotphase gewesen, zu zeigen, wie Menschen in sehr rechten Filterblasen argumentieren. Allerdings war die Kritik dahingehend berechtigt, dass wir die Quellen hätten journalistisch besser einordnen müssen. Auch den Vorschlag rote Linien im Diskurs klarer zu benennen, ist gut.
Völlig vermessen war der Tonfall auf Twitter. Wir wurden in einigen Threads als Nazis bezeichnet. Aber dass der Tonfall auf Twitter oft jenseits von sachlichen und konstruktiven Debatten liegt, dürfte ja bekannt sein.

FLURFUNK: Was hat sich gerändert?

Dario: Wir haben entschieden, dass es in Zukunft rote Flaggen gibt, für Quellen, die jegliche journalistische Mindeststandards verletzen. Dazu zählen Quellen, die als verfassungsfeindlich eingestuft sind, die zu Gewalt gegen Menschen aufrufen, die den Holocaust oder andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verharmlosen, die extremistische Organisationen und Gruppen offen unterstützen oder eng mit diesen vernetzt sind. Und Quellen, die kein Impressum haben, sodass unklar ist, wer hinter der Quelle steckt. Diese Quellen schauen wir uns auf Buzzard nicht an.
Zusätzlich gibt es Quellen, bei denen wir sehr genau prüfen und hinschauen und bei denen die journalistische Einordnung ganz besonders wichtig ist. Dazu zählen Medien, die publizistisch nicht unabhängig arbeiten (z.B. NGOs, Lobbyverbände und Parteimedien) und Medien, die wichtig sind, um die demokratische Meinungsvielfalt abzudecken, bei denen aber immer wieder durchaus problematische Inhalte veröffentlicht und journalistische Standards verletzt werden (so z.B. bei Fox News oder Achgut).
Uns ist wichtig, Medien, die auf Buzzard stattfinden, sorgfältig zu prüfen. Nur wenn Medien gewisse journalistische Mindeststandards erfüllen, können wir davon ausgehen, dass die Perspektiven-Vielfalt, die wir auf Buzzard abbilden, dem demokratischen Diskurs zuträglich ist - und ihm nicht schadet.
Wir haben deshalb unseren 1700 großen Quellenkatalog an deutsch- und englischsprachigen Zeitungen, Online-Magazinen und Blogs in den vergangenen Monaten intensiv geprüft. Zusätzlich laden wir jeden ein, der bei Quellen, die wir in Debatten verwenden, Inhalte findet, die gegen unsere Kriterien verstoßen, das bei uns zu melden.

FLURFUNK: Sind nicht eine Reihe von Beitratsmitgliedern damals gleich wieder aus dem Gremium ausgeschieden und haben Euch Täuschung vorgeworfen? Ist der Beitrat jetzt kleiner oder habt ihr neue Mitglieder finden können?

Dario: Das einzige Beiratsmitglied, das während der Kritikwelle aus dem Beirat gegangen ist, war Anett Selle. Alle anderen Beiratmitglieder haben während der Kritikwelle zum Projekt gehalten und mit uns nun gemeinsam daran gearbeitet, die Kriterien und den Quellenkatalog für den Appstart zu entwickeln.
Der Beirat ist seit der Kritik im Dezember größer geworden. Wir haben sogar neue Beiratsmitglieder hinzugewonnen: Julia Bönisch, ehemalige Chefredakteurin von Süddeutsche Online, Medienberater Christian Lindner und Nicola Kuhrt von Medwatch sind seit März mit dabei. Maria Exner hat sich leider aus Zeitgründen aus dem Beirat zurückziehen müssen, sie ist während der Coronakrise zu sehr eingespannt bei Zeit Online, um sich am Projekt zu beteiligen.

FLURFUNK: Ihr bezieht neue Büroräume in Berlin - was ist der Grund für den Standortwechsel?

Dario: Mittelfristig ist Berlin, als Hauptstadt von Medien und Politik, der beste Standort für Buzzard. Auch die meisten unserer Netzwerkkontakte sind hier.

FLURFUNK: Das Crowdfunding soll euch für das erste Jahr finanzieren. Wie ist die langfristige Planung?

Dario: Unsere Vision ist, Europas größte Plattform für politische Perspektiven zu werden. Das bedeutet: Langfristig wollen wir nicht nur hier in Deutschland daran arbeiten, Medien- und Meinungsvielfalt im Alltag leichter zugänglich zu machen, sondern auch in Ländern, in denen es um Medienvielfalt schlecht bestellt ist.
Aktuell haben wir Budget, um den werktäglichen Betrieb von Buzzard in einer ersten Version zu starten. Aber natürlich ist unser Ziel bis Mitte 2021 mit einer deutlich größeren Community zusammen daran zu arbeiten, mehr Themen angehen zu können und neue Formate zu starten. Und mittelfristig dann nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

FLURFUNK: Vielen Dank für das Interview!

Hier findet sich die App im Google Play Storeim App-Store von Apple oder als Direktdownload (für Android-Geräte). Die Jahresmitgliedschaft kostet 60 Euro.

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