Kommentar: Macht endlich Schluss mit der Zwei-Leser-Gesellschaft!

Von 6 , ,

Ich frage mich, was im Haus der Presse der "Sächsischen Zeitung" los wäre, wenn die oben stehende "Tabelle" in dieser Form in der gedruckten Zeitung erschienen wäre?

Sie war am 12.3.2o11 bis Mittag bei SZ-Online zu finden - und kein Witz: Der Direktlink führte erstmal zur Bezahlschranke. Am frühen Nachmittag hat man sie dann offenbar entdeckt und entfernt (Stand: 12.3.2o11, 15:49 Uhr).

Dass die Tabelle überhaupt so zerschossen erschienen ist, hat natürlich technische Gründe. Genauer: Es lässt sich bei den hausinternen Abläufen schwer vermeiden, dass soetwas immer mal passiert. Ich habe das neulich mal erklärt bekommen: Das Redaktionssystem der "Sächsischen Zeitung", mit dem die gedruckten Seiten täglich gebaut werden, ist mit SZ-Online direkt verknüpft. Die Print-Kollegen bauen die Geschichte auf der Seite, das CMS zieht die Stücke auf SZ-Online rüber.

Weder die Kollegen in der Print- noch in der Online-Redaktion können also direkt etwas dafür, dass das CMS die Tabelle zerschießt. Die Technik ist schuld. Online-Kollegen müssen solche Stücke von Hand rausziehen und neu bearbeiten. Und da geht dann ganz selten schon mal ein Text oder eine Tabelle vorübergehend online - passiert, kein Problem, nobody is perfect.

"Es geht nicht anders", hat mir neulich auch ein Fernsehkollege erklärt, als wir über meine Kritik an der Berichterstattung des MDR zum 19. Februar 2011 in Dresden diskutiert haben. Als TV-Mann könne man nicht noch mehr leisten und zwischendurch wohlmöglich noch Online und Radio bedienen, war sein Kommentar sinngemäß. Den Hinweis, dass ungefähr alle anderen Medien in der Stadt (besonders SZ-Online!) über den Tag durch die Bank schneller und besser informiert haben, musste er so hinnehmen. Dann müsse der MDR eben mehr Onliner an so einem Tag einsetzen, kam von ihm zurück.

Das ist sicherlich aus seiner Perspektive eine logische Argumentation. Vor allem, wenn man die bisherigen Strukturen und Arbeitsweisen der Redaktionen beibehalten will und (weiterhin) einfach auf Online verlängert.

Es macht aber auch deutlich, und das ist das eigentliche Armutszeugnis: Journalistisches Denken ist heutzutage der Technik untergeordnet. Das Denken in Geschichten ist in den Hintergrund getreten, Sachzwänge und Formatgrenzen bestimmen den Ablauf im journalistischen Alltag. Eine Zeitungsseite ist irgendwann voll - und bei Liveschaltungen im Fernsehen muss zuerst einmal das Licht stimmen! Das Online genau alle diese Regeln über den Haufen wirft - es hat sich offenbar noch nicht überall rumgesprochen.

Aber genau da liegt der Fehler. Solange sich dieses Denken in technischen Sachzwängen nicht ändert, solange Online-Zuschauer und Nutzer weiterhin Leser zweiter Klasse sind, solange wird sich Online-Journalismus auch nicht rechnen. Peter Stawowy

6 Kommentare
  • Christian Fischer
    März 13, 2011

    Lieber Peter,

    ich teile Deine Einschätzung nicht. Journalistisches Denken ist nicht der Technik untergeordnet. Sicher, der Journalismus heute befindet sich im Wandel. Das war er aber auch schon vor 100 Jahren. Denn wir sind durch den Zeitgeist geprägt und nutzen seit je her den technische Fortschritt für unsere Nachrichtenübermittlung (sonst würden wir heute noch an Höhlenwände malen).

    Aber Technik hin oder her - die Geschichte steht weiterhin im Mittelpunkt (jedenfalls bei mir). Denn egal über welchen Weg wir unsere journalistische Arbeit einem Publikum anbieten, am Ende müssen wir relevante, interessante und aktuelle Informationen anbieten!

    Journalistisches Denken muss sein, wie ich als Reporter meine Geschichte möglichst gut erzählt an den Mann bringe. Damit ich dieses tun kann, muss ich als Journalist den modernen Medienkonsum begreifen! Er ist sogar eine Chance. Ich ereiche online noch mehr Menschen, die vielleicht sonst meine Geschichte nicht gelesen hätten. Ich muss mich nur auf die Online-Formen der Berichterstattung einlassen.

    Wer heute als Journalist denkt: "Das haben wir aber schon immer so gemacht", agiert an seinen Hörer/Zuschauer/Leser vorbei! Wenn der MDR-Kollege von "Onlinern" spricht, trennt er nicht nur seine Belegschaft in zwei Klassen. Sondern auch seine Zuschauer.

    Mir ist letztlich nur wichtig, dass möglichst viele Leute meine Geschichten lesen. Egal ob in gedruckter Version, als App auf dem iPad oder iPhone, oder halt online. Betriebswirtschaftlich kommt dazu, dass mein schönes Logo drauf steht und jemand (Nutzer oder Anzeigenkunde) dafür bezahlt. Denn ich sagte ja schon mal: Zu Hause läuft die Miete weiter, wenn ich in der Redaktion sitze...

    Christian

  • owy
    März 13, 2011

    Aber Christian, Du widersprichst mir doch gar nicht? Dich und Deine Arbeit habe ich im Kommentar auch nicht erwähnt (auch wenn für mich Euer Online-Denken auch noch viel radikaler sein könnte - aber ihr denkt ja wenigstens schon an und teilweise in Online). Scheint ein Reflex zu sein, dass man Journalisten kritisiert, dass sich die Branche dann gleich solidarisiert, kann das sein?

    Schau Dir den Tabellen-Ausschnitt oben im Bild nochmal an: Da ist automatisiert irgendwas mit einem Stück Content passiert. Dann hat ein Online-Redakteur das Stück Content angefasst und etwas damit gemacht. Am Ende hat er die Tabelle einfach gelöscht, wenn ich es richtig sehe.

    Dem Autoren der Geschichte bei der "SZ" war schlicht EGAL, was aus seiner Tabelle wird - falls er sich das Ergebnis seiner Geschichte online bis jetzt überhaupt angeguckt hat.

    Die haben erst am Mittag bemerkt, dass da was nicht gut aussieht!

    Richtig guter Journalismus unter Ausnutzung aller Möglichkeiten sieht definitiv anders aus. Und ja: Online-Leser sind in dem Moment Leser zweiter Klasse. Online ist lästiges Beiwerk. So denken mindestens 80% der MDR-Journalisten - und vermutlich ein ähnlich hoher Anteil der SZ-Journalisten.

  • Christian Fischer
    März 13, 2011

    Und ich widerspreche doch ;) Deine These, dass sich journalistisches Denken der Technik unterordnet, teile ich nämlich nicht.

    Ich stimme Dir aber zu, dass die Tabelle peinlich und die MDR-Ausrede dumm ist. Das hat aber beides nichts mit Journalismus zu tun, sondern ist viel mehr individuelles Unvermögen oder auch strukturelles Systemversagen des jeweiligen Mediums.

  • owy
    März 13, 2011

    Ich kaufe ein "zu sehr".

    Im Ernst: Du denkst also wirklich bei Themen nicht zuerst in gedruckten Bildern und Buchstaben?

    Ich habe nicht die Weisheit gepachtet und weiß ganz genau, wo wir rauskommen - aber du bist qua Job definitiv jemand, der in gedruckten Geschichten denkt. Immerhin denkst du weiter, wie du die Geschichte online verbreiten kannst; oder ihr habt über die iPad-App die Möglichkeit, weitere Inhalte einzubinden. Aber grundsätzlich könnte man das noch viel weiter drehen.

    Ich will übrigens auch nicht leugnen, dass ich in Blogbeiträgen denke; konsequenter Weise wäre zum Beispiel hier die Einbindung von Bewegtbild/Video-Interviews durchaus möglich und angezeigt. Ich bin nur mit der Technik noch nicht so zufrieden (wieder ein technisches Argument...).

  • Christian Fischer
    März 13, 2011

    zu Deiner Frage: Ich denke in Geschichten und Umsetzbarkeit. Sicher bin ich Printgeprägt - aber ohne Onlineaffinität und Multimedia-Verständnis wäre ich ein Buchstaben-Fosil!

    Zu unseren morgigen Aufmacher Seite 11 in Dresden hat die Reporterin die Vado-Kamera (http://www.computerbild.de/artikel/avf-News-Video-Lidl-Schnaeppchen-Pocket-Videokamera-Creative-Vado-fuer-69-99-Euro-3691898.html) mitgenommen. Weil sie für Online Bewegtbild mitbringen sollte. Freu Dich drauf ;)

  • FH
    März 29, 2011

    @Peter: Im ersten Kommentar bist Du der Wahrheit schon ziemlich nahe...;)

    Das Ergebnis ist leider nicht (nur) ein technisches Problem, sondern vielmehr (auch) eines von Arbeitsorganisation, Qualitätsbewußtsein, Verantwortungsgefühl fürs eigene journalistische Produkt in allen Ausgabekanälen, ...

    cu,
    Falk Herrmann

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