Lesehinweis: „Zwischen nett aufgeschrieben und gut recherchiert“

Screenshot von SZ-Online, 23.11.2012

Fast könnte man ein wenig Mitleid haben mit den Kollegen der Zeitung: Die "Sächsische Zeitung" befasst sich heute (23.11.2012) in ihrem Kulturteil mit dem Schicksal der Zeitung. Titel der Geschichte: "Ja, sie lebt noch".

Zitat:

"Journalisten sind nicht klüger als ihre Leser. Aber sie werden dafür bezahlt, dass sie Informationen prüfen, sortieren und aufbereiten. Das unterscheidet eine Zeitung von kostenlosen Online-Nachrichten. Und deshalb kostet eine Zeitung Geld."

Na, die Konstruktion "kostenlos = Online = kein richtiger Journalismus" ist natürlich totaler Schwachsinn. Aber das ist eine ganz eigene Diskussion. Viel spannender ist die Ironie, die mit der Ausgabe der Zeitung vom 23.11.2012 ins Haus kommt:

Denn in der gleichen Ausgabe hat die große, wichtige, gut recherchierte lokale Zeitung - übrigens den zweiten Tag in Folge, wie stefanolix mal wieder treffend aufgespießt hat - einen ziemlichen Bock geschossen. Und das erfährt man als Normalo-Leser ausgerechnet bei Facebook, auf der Fanpage der FDP Dresden.

Dort ist in einer ausführlichen Geschichte dokumentiert, dass der heutige Aufmacher im "SZ"-Lokalteil mit dem Titel: "Dresdens Bürgermeister halten die Hand auf" auf völlig veralteten Fakten aufbaut - und somit schlicht falsch ist.

Zitat aus der Notiz der FDP:

"215 Millionen Euro hätten die Dresdner Bürgermeister dabei angeblich als neue Forderungen aufgeschrieben, die sie nun als Zugabe forderten, und der Stadtrat müsse, nach Aussage der Sächsischen Zeitung, nun über die neuen Wünsche entscheiden. Folgt man der Berichterstattung der SZ, so scheint es jetzt also schon wieder neuen Streit ums Geld im Dresdner Rathaus zu geben."

Tatsächlich aber, so die Kommentierung der FDP, sind die meisten aufgelisteten Haushaltsforderungen bereits in der aktuellen Haushaltsvorlage enthalten:

"Eventuell bezieht sich die 'Recherche' der Sächsischen Zeitung auf eine Vorlage von Oberbürgermeisterin Helma Orosz (V1930/12). Diese Vorlage enthält dann auch die von der SZ dargestellten Summen für die einzelnen Bürgermeister. Das Problem: diese Liste gibt den Verhandlungsstand der Verwaltung aus dem Mai 2012 (!) wieder. Dieser allerdings war eben die Grundlage für den aktuellen Haushaltsentwurf. Das wiederum würde dann auch erklären, warum die Beispiele der SZ zum Großteil bereits im Haushalt stehen, denn die SZ hat offensichtlich die letzte Spalte der Tabelle übersehen. Die Vorlage enthält nämlich die entscheidende Spalte 'davon eingeordnet 2013-2017'."

Wie heißt es so schön im "SZ"-Kulturteil zur Zukunft der Zeitung:

"Die Online-Diskussionen sind dabei oft eine Bereicherung. Es gibt im Internet viele kluge Stimmen, die sonst nicht zu Wort kämen."

Besser hätte man es im vorliegenden Falle wohl nicht formulieren können.

Hier geht es zur "SZ"-Geschichte mit dem Titel: "Ja, sie lebt noch" (hinter der Bezahlschranke).

Hier findet sich die "SZ"-Geschichte: "Dresdens Bürgermeister halten die Hand auf" (ebenfalls hinter der Bezahlschranke).

Die ausführliche Kommentierung der FDP-Dresden ist - kostenlos! - bei Facebook zu lesen, Titel: "Zwischen nett aufgeschrieben und gut recherchiert".

Und ebenfalls kostenlos, aber sehr lesenswert ist die Blog-Kommentierung durch stefanolix, Titel: "Ja, sie prahlt noch".

14 Kommentare
  • stefanolix
    November 23, 2012

    Der Artikel zur Statistik ist übrigens auch hinter der Bezahlschranke und die Überschrift ist bis heute falsch. Nur gut, dass man bei der »Sächsischen Zeitung« nicht kommentieren darf, sonst würden diese Leser noch ihren Senf dazugeben.

    In Abwandlung eines altbekannten Bonmots könnte man sagen: Leser sind dumm und frech. Dumm, weil sie uns eine Zeitung abkaufen, und frech, weil sie dann auch noch über den Inhalt mitreden wollen.

  • Ohm Zweizahn
    November 24, 2012

    Schiefe Ebene das hier! Finde keine Haftfläche für meinen Senf.

    Was ist das, eine Bezahlschranke? Und wo? Wo isse?

    Auf einem Parkplatz an der Ostra-Allee? Isch habe kein Auto. Und Halloh, isch habe als Rentner Ost wenig Geld.

    Was? Waaas? Hinter der Schranke is Statistik? Und? Sonst nischt? Klären Sie mich gefälligt auf!

  • Ohm Zweizahn
    November 24, 2012

    Was soll das: ...wartet auf Freischaltung. Noch ´ne Schranke?

    Nee. Lasst´s gut sein. Ich müsste mit der Straßenbahn zur Bezahlschranke hin. Und dann noch zu Fuß. Bei diesem Wetter...

    Obwohl, seit olle Churchill, verfälschte Statistik und chirurgische Schönheit sind schon ein bisschen mein Ding.

  • Opa Dreizack
    November 24, 2012

    Wenn Sie zwei Kommentare löschen, dann lernen Sie wenigstens, rückwärts bis eins zu zählen. Vielen Dank.

  • Frank
    November 26, 2012

    Na owy, nun gib doch dem entnervten Herrn Zweizahn endlich mal die GPS-Koordinaten der Bezahlschranke! (Die haben dort übrigens neue Öffnungszeiten, weil der Pförtner zur Zeit krank ist).

    Zum Thema kann ich nur anmerken, dass es bei der SZ erstaunlich entscheidend ist, wer einen Artikel geschrieben hat. Die Dresdner CDU und FDP sind ja oft (zu Recht) leicht genervt, wenn Denni Klein mal wieder etwas veröffentlicht. Für den Artikel „Dresdens Bürgermeister halten die Hand auf“ war er ja ausnahmsweise mal nicht verantwortlich, aber es hätte angesichts der Fehler glatt wieder einmal von ihm sein können.

  • stefanolix
    November 26, 2012

    Ich würde das gar nicht so personalisieren. Es gibt auch Artikel, die nicht namentlich gekennzeichnet und trotzdem schlecht sind …

  • stefanolix
    November 26, 2012

    Noch eine Anmerkung. Die Vorbemerkung zur »Feuerzangenbowle« lautet: »Dieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, daß die Schule es nicht merkt«.

    Jede konstruktive Kritik *ist* im Grunde eine Anerkennung der Zeitung, aber es kommt mir so vor, als ob man in den Redaktionen nicht davon merkt. Natürlich gab es in keinem Fall eine Berichtigung im Lokalteil der Sächsischen Zeitung.

    »Die meisten Dresdner wohnen allein« steht bis heute als Überschrift über einem kostenpflichtigen und gleichzeitig wertlosen Artikel …

  • owy
    November 27, 2012

    Der Text "Ja, sie lebt noch" ist jetzt im Nachwuchsgewinnungs-Blog der "SZ" blog.journalist-werden.de komplett und ohne Bezahlschranke nachzulesen:

    http://blog.journalist-werden.de/2012/11/27/ja-sie-lebt-noch/

  • stefanolix
    November 27, 2012

    Ich habe mir gerade mal den Kommentar-Feed angeschaut. Mindestens seit Ende Oktober hat dort niemand mehr kommentiert. Es gibt nur Pingbacks vom eigenen Blog. Unter den Artikeln des Blogs habe ich beim Durchblättern bis Mai 2012 gar keinen Kommentar und keinen Trackback/Pingback aus einem anderen Blog gefunden. Aber Bloggen lebt doch gerade von der Kommunikation und der Vernetzung. Was die »SZ« macht, würde ich »Die Fortsetzung der Zeitung mit anderen Mitteln« nennen – aber nicht unbedingt Bloggen.

  • owy
    November 28, 2012

    Vorsicht, wenig Kommentare bedeutet nicht unbedingt, dass es nicht gelesen wird.

    Abgesehen davon, dass im vorliegenden Falle ja keine klassische Blog-Funktion gedacht ist - eben Informationen rund um die Arbeit des Journalisten/der Journalistin und der Ausbildung dorthin abzubilden.

  • stefanolix
    November 28, 2012

    Das wollte ich damit auch nicht sagen. Die Leserzahlen kennt nur der Betreiber. Normalerweise sollte doch aber wenigstens jeder hundertste Leser mal einen Kommentar hinterlassen, wenn schon so eine schöne Kommentarfunktion angeboten wird.

    Allerdings gab es auch im »Kulturblog« der »Sächsischen Zeitung« nur sehr wenige Kommentare. Der letzte Kommentar ist dort vom 23. November 2009 und der letzte Eintrag vom 3. März 2010. Das würde ich jetzt nicht als Zeichen für Interaktivität werten ;-)

  • Omi Gähnzahn
    November 30, 2012

    Was ist das hier? Ein Dresden-"Blog"? Das ist eher ein Lehrstück, wie man beim Gähnen einschläft.

  • Ralf
    Dezember 4, 2012

    Mit den Kommentaren bei den Online-Auftritten ist das so eine Sache. Auch die DNN hängt in vielen Dingen hinterher. Aber das weiß Stefanolix sicherlich besser. Er ist ja sozusagen mittendrin :-)

  • stefanolix
    Dezember 4, 2012

    Ich kommentiere nicht mehr bei der DNN, seit sie eine wirklich höfliche Kritik von mir gelöscht haben. Es ging um diese Sache:

    http://www.flurfunk-dresden.de/2012/04/11/lesehinweis-korrekturen-kenntlich-machen-oder-nicht/

    Keine Ahnung, ob die »Sächsische Zeitung« damit anders umgegangen wäre. Dort kann man ja gar keinen Artikel kommentieren.

    Und nein: Ich bin nirgendwo mittendrin. Ich schreibe einfach nur meine Meinung als Leser und Bürger auf.

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